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# Schuldig im Sinne der Anklage
- URL: https://shelfd.com/schuldig-im-sinne-der-anklage/
- Published: 2026-10-22T17:00:00.000Z
- Updated: 2026-10-22T17:29:50.000Z
- Description: Warum schauen wir – und vermeintlich vor allem Frauen – eigentlich so viel True Crime? Julia legt ihre Hand aufs Herz und geht auf Spurensuche.
- Author: Julia Mähl
- Tags: Staffellauf

„Glauben Sie, Thriller-Autor\*innen sind verrückt?“, habe ich letztens die Schauspielerin **Helen Mirren** gefragt, als ich das Glück hatte, sie am Red Carpet des Hamburger Filmfests abzufangen. Sie – in all ihrer Perfektion, anders kann ich es nicht nennen – stand da, hat überlegt und dann geantwortet, das glaube sie nicht. Sie könne sich nicht vorstellen, dass Menschen wie **Agatha Christie** beispielsweise verrückt seien. „Aber“, sagte sie dann „was ich faszinierend finde, ist die Tatsache, dass Frauen komplett besessen von Kriminalität sind. Es sind Frauen, die Krimis lesen, Frauen, die True Crime schauen. \[…\] Das Publikum ist weiblich.“ 

Diese Aussage ist mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Nicht auf dem Nachhauseweg, als ich mir meinen Lieblingspodcast **„Mord auf Ex“** angemacht habe. Nicht zu Hause auf dem Sofa, als die neue Staffel **„Monsters“** zum Fall von **Lizzie Borden** auf Netflix lief. Und nicht am nächsten Tag, als ich mir die aktuelle Ausgabe von **„Stern Crime“** am Kiosk gekauft habe. Denn ja, ich bin auch eine dieser Frauen, die komplett besessen davon ist – in a good way, hoffe ich. Ich konsumiere seit Jahren nahezu täglich True Crime, habe früher jeden Sonntag mit meiner Mama oder später auch in meiner WG **„Tatort“** geschaut, und das Buch, das gerade auf meinem Nachttisch liegt, zeigt einen blutverschmierten Rührbesen und trägt die Überschrift **„Tradwife – Sie hat nur auf dich gewartet“**. Ihr könnt euch denken, dass das kein Kochbuch ist.

## Der Stand der Forschung

Doch **Helen Mirren** hat mich mit ihrer Aussage ins Stocken gebracht. Ich habe mich gefragt: Konsumieren wir als Frauen wirklich so viel häufiger True Crime – und wenn ja, wieso?

Tatsächlich heißt es [in Forschungsergebnissen der Uni Graz aus dem Jahr 2025](https://www.uni-graz.at/de/neuigkeiten/fesselnde-verbrechen-psychologin-der-uni-graz-identifiziert-motive-fuer-true-crime-konsum/?ref=shelfd.com): Während Männer in der Woche im Schnitt etwa vier Stunden mit True-Crime-Formaten jeglicher Art verbringen, sind es bei Frauen schon sieben Stunden. Auch 81 Prozent der Stern-Crime-Abonnent\*innen sind weiblich. Und [eine Studie aus dem Jahr 2022 von Seven.One Audio](https://www.seven.one/documents/20182/6304763/Seven.One%5FAudio%5FTrue-Crime-Studie%5F2022.pdf?ref=shelfd.com) zeigt sogar auf, dass 93 Prozent aller True-Crime-Hörer\*innen weiblich sind. „True Crime ist ein weibliches Phänomen“ schließen sie daraus. 

**Aber warum?** 

Da gehen die Meinungen auseinander. [Manche sprechen davon](https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-021-01990-1?ref=shelfd.com), dass Frauen sich stärker auf die Gefahren im echten Leben vorbereiten wollen. Woanders heißt es, man könne sich dadurch besser mit den eigenen Ängsten auseinandersetzen. Außerdem seien Frauen generell empathischer als Männer, könnten sich besser in fremde Lebenswelten hineinversetzen und seien deshalb deutlich interessierter an den Geschichten. 

Klingt für mich alles in allem recht plausibel. Denn auch wenn ich seit Jahren begeistert von dem Thema bin, muss ich zu meiner Schande zugeben, dass ich mich selten gefragt habe, wieso. Dabei ist das doch eigentlich das, was wir als Autor\*innen bei **Shelfd** die ganze Zeit machen. Wir konsumieren, streamen, inhalieren Inhalte und machen uns dann dazu Gedanken. Interessant also, dass ich das an dieser Stelle bisher immer versäumt habe. 

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💬 *Teilt eure Perspektive:*

> **Was ist es, das euch bei True Crime dranbleiben lässt – oder warum lässt euch das Genre kalt?**

*Wir veröffentlichen eine kleine Auswahl eurer Stimmen im nächsten Magazin. Schreibt uns einfach eine E-Mail mit euren Gedanken dazu an* [*redaktion@shelfd.com*](mailto:redaktion@shelfd.com)*.*

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## Im Bann der Plattformen

Wenn ich zurückdenke an die True-Crime-Formate, die mich nachhaltig beeindruckt haben, dann ist da ganz sicher **„Making a Murderer“** auf Netflix dabei. Die Serie erzählt über zwei Staffeln vom Fall des Verurteilten Amerikaners **Steven Avery**. Über 13 Jahre wurde das Ganze von einem Filmteam begleitet, und die ganze Zeit steht die Frage im Raum: Hat er den Mord, für den er verurteilt wurde, begangen oder nicht? 

Auch die Netflix-Doku und Miniserie **„The Staircase“** über das Ehepaar Michael und Kathleen mich komplett eingenommen. Dabei ließ sich Michael von einem Filmteam beim Prozess begleiten, nachdem der Verdacht des Mordes an Kathleen auf ihn fällt. 

Eingenommen ist hierbei auch das richtige Wort: Denn egal, ob nun auf Netflix, in der ARD- oder ZDF-Mediathek, bei Prime Video oder Disney+ – True Crime ist ein wahnsinnig einnehmendes Genre. Die Fälle, die Figuren, die Taten ziehen in einen extremen Bann, dem ich mich nur schwer entziehen kann. Ich bin wirklich niemand, der zu regelmäßigem Bingewatching neigt. Sprechen wir aber über True-Crime-Dokus, steigt mein Suchtfaktor ins Unermessliche. Eventuell hat das tatsächlich mit Empathie zu tun. Denn ja, ich liebe es, mich in fremde Lebenswelten hineinzuversetzen.

## Mit Rüstzeug in den Stream

Übrigens: Ganz vorne auf meiner Watchlist ist aktuell noch die vom Fall selbst inspirierte Dramaserie **„The Twisted Tale of Amanda Knox“** auf Disney+. Ich weiß, dass es daran einiges an Kritik gab, weil die Serie eindeutig aus der Sicht und auf der Seite von **Amanda Knox** steht. Die wurde, wer es nicht weiß, beschuldigt, im Auslandssemester in Italien ihre Mitbewohnerin **Meredith Kercher** getötet zu haben. 

Meiner Meinung nach bin ich dafür aber gut gerüstet – denn kann man mich wirklich noch so leicht um den Finger wickeln, nachdem ich bereits fünfzehn Artikel gelesen und drei Podcasts zu dem Fall gehört habe? Ich glaube nicht. 

*Happy Streaming* 
*Julia*