Wer durch eine Bibliothek schlendert, geht selten allein mit den Inhalten nach Hause, die auf dem Zettel standen. Ihr zieht ein Buch aus dem Regal, weil der Rücken schön ist, blättert euch fest und habt am Ende etwas im Körbchen, mit dem ihr beim Losgehen garantiert nicht gerechnet habt. Hinten raus entdeckt ihr, dass es sogar ein Film- und Doku-Archiv gibt. Zum Ausleihen!
Genau so lässt sich die neue Reihe „Ein Jahrhundert in 100 Filmen“ bei filmfriend lesen, dem Streamingdienst der Bibliotheken:
100 europäische Filme aus 100 Jahren, vom frühen Stummfilm bis zur Jahrtausendwende
Anlass ist der UNESCO-Welttag des audiovisuellen Erbes am 27. Oktober 2026, ein Tag, der Filme als Teil unseres kulturellen Gedächtnisses feiert. Mit dem, was wir abends sonst so streamen, haben die meisten dieser Filme wenig gemein. Ein Algorithmus käme bei ihnen wohl auf drei Prozent Match: zu alt, zu leise, zu langsam. Beim Streamen landet ihr deshalb kaum zufällig bei ihnen, in der Bibliothek dagegen schon. Darin liegt der Reiz, uns an sie zu erinnern und einige Highlights wieder nach vorne ins Regal zu stellen.
Wir haben uns durch die Reihen gestöbert und elf Filme herausgezogen, bei denen spürbar ist, dass sie jemand mit Liebe gemacht hat. Da lässt ein junger Regisseur mit Namen Alfred Hitchcock eine Zimmerdecke aus Glas bauen, durch die ein Verdächtiger über den Köpfen auf und ab geht. Da besteht eine Liebesszene nur aus einer Zigarette, die auf dem Tisch abbrennt.
Zu jedem Film verraten wir ein Detail, über das ihr stolpern werdet, und warum er sich auch 2026 noch lohnt. Macht euch eines davon neugierig, ist der Abend dafür schnell freigehalten. Und was danach hängen bleibt, ist mehr als nach der nächsten Durchschnittsserie im Abo.
Alles, was ihr dafür braucht, ist ein Bibliotheksausweis. Ob eure Bibliothek dabei ist, seht ihr unter weristdabei.filmfriend.de. Dann laufen alle Filme ohne weitere Kosten und ohne Werbung.
Diese Strecke entstand in bezahlter Partnerschaft mit filmfriend. Ausgewählt und geschrieben hat sie unsere Redaktion.
Love Is the Devil (1998)
Läuft bei filmfriend, englisches Original mit deutschen Untertiteln, FSK 16, Dauer: 91 Min.

➜ Ein Künstlerdrama aus dem London der Sechziger: Ein kleiner Ganove steigt nachts bei Francis Bacon ein, um zu klauen, und landet im Bett des Malers. Daraus wird eine Beziehung, die ihn langsam zerreibt.
➜ John Maybury durfte kein einziges Bacon-Gemälde zeigen, also bauen er und sein Kameramann die Bilder nach, indem sie Gesichter durch Linsen, Biergläser und Spiegel verzerren. Derek Jacobi spielt Bacon, Daniel Craig seinen Geliebten, acht Jahre vor Bond.
➜ So betörend wie abstoßend: Seine verzerrten Gesichter brennen sich so ein, dass jeder echte Bacon im Museum danach vertraut wirkt.
Belle Époque (1992)
Läuft bei filmfriend, deutsche Synchronfassung, FSK 12, Dauer: 110 Min., zum Trailer

➽ Eine sonnendurchflutete Komödie aus dem Spanien von 1931: Ein junger Deserteur strandet im Landhaus eines alten Malers und verliebt sich nacheinander in dessen vier Töchter, die alle sehr genau wissen, was sie wollen.
➽ Fernando Trueba gewann damit den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Das Drehbuch entstand über anderthalb Jahre bei wöchentlichen Mittagessen mit Rafael Azcona und José Luis García Sánchez, und die jüngste Schwester spielt Penélope Cruz.
➽ Der Film strahlt die Wärme eines langen Nachmittags im Gras aus, ein bisschen frivol und sonnig genug für jeden grauen Novemberabend.
Winter adé (Doku, 1988)
Läuft bei filmfriend, deutsche Originalfassung, FSK 12, Dauer: 112 Min., zum Trailer

➩ Eine Doku als Zugreise durch die späte DDR, von Zwickau bis an die Ostsee, auf der Frauen von der jungen Punkerin bis zur Uroma erzählen, wie sie leben und wie sie eigentlich leben wollten.
➩ Helke Misselwitz' Film gewann die Silberne Taube beim DOK Leipzig. Kameramann Thomas Plenert lässt den Gesichtern in ruhigem Schwarzweiß so viel Zeit, dass die Frauen erstaunlich offen reden.
➩ Mancher Satz aus diesem Zugabteil über Ehe, Arbeit und verpasste Träume klingt erschreckend gegenwärtig.
Solo Sunny (1980)
Läuft bei filmfriend, deutsche Originalfassung, FSK 12, Dauer: 101 Min., zum Trailer

➺ Ein Musikerinnendrama über die Schlagersängerin Sunny, die in Prenzlauer Berg wohnt, mit ihrer Band durch Dorfsäle tingelt und sich von keinem Mann reinreden lässt.
➺ Es ist Konrad Wolfs letzter Film, gemeinsam mit Wolfgang Kohlhaase nach dem Leben einer echten Sängerin erzählt. Die Kamera hat nur Augen für Renate Krößner, die dafür den Silbernen Bären gewann.
➺ Was Sunny passiert, ist eigentlich traurig, und trotzdem erzählt der Film ihr Pech mit so leichter Hand, dass es komisch ist. Spätestens ihr „Is’ ohne Frühstück“ am Morgen danach erobert jedes Herz.
Der Schlachter (1970)
Läuft bei filmfriend, deutsche Synchronfassung, FSK 12, Dauer: 89 Min.

➤ Ein Dorfthriller im Périgord über die kühle Schulleiterin Hélène und den schüchternen Metzger Popaul, die sich auf einer Hochzeit anfreunden, während in der Gegend junge Frauen ermordet werden.
➤ Claude Chabrol drehte im echten Dorf, Popauls Laden ist die echte Metzgerei. Und er findet Bilder, die sich einbrennen: Jean Yanne überreicht Stéphane Audran eine Lammkeule, eingewickelt wie einen Blumenstrauß.
➤ Kein einziger Mord ist im Bild, die Spannung steckt ganz in Blicken und Pausen. Und Jean Yanne spielt den Metzger so zärtlich, dass er die liebenswerteste Figur im ganzen Dorf ist.
Das Wunder von Mailand (1951)
Läuft bei filmfriend, deutsche Synchronfassung, FSK 12, Dauer: 93 Min., zum Trailer

➜ Ein Sozialmärchen über den unerschütterlich freundlichen Waisenjungen Totò, der am Mailänder Stadtrand mit Obdachlosen eine Barackensiedlung baut. Dann sprudelt dort Öl, ein Unternehmer will das Land, und Totò bekommt eine Taube mit Zauberkräften.
➜ Vittorio De Sica gewann damit in Cannes und besetzte die Hauptrolle mit einem Postboten, den sein Regiekollege Renato Castellani entdeckt hatte. Die Besen, auf denen am Ende geflogen wird, stammen von echten Mailänder Straßenkehrern.
➜ Die Armen drängen sich in einen einzigen Sonnenstrahl und schauen den Sonnenuntergang an wie eine Vorstellung: das schönste Theater von Mailand, und der Eintritt ist frei.
Ausgestoßen (1947)
Läuft bei filmfriend, deutsche Synchronfassung oder englisches Original, FSK 16, Dauer: 112 Min.

➽ Ein Film noir über einen angeschossenen Untergrundkämpfer, der nach einem missglückten Überfall eine einzige Nacht lang durch Belfast irrt. Jeder, dem er begegnet, will etwas anderes von ihm.
➽ Carol Reed drehte ihn zwei Jahre vor „Der dritte Mann“ und gewann den ersten BAFTA als bester britischer Film. William Alwyn schrieb die Musik schon vor Drehbeginn, und James Mason taktete sein Taumeln im Finale nach ihr.
➽ Ein Film wie eine lange, nasse Nacht, in der ein Mensch nirgends mehr hingehört.
Charles Dickens: Geheimnisvolle Erbschaft (1946)
Läuft bei filmfriend, deutsche Synchronfassung oder englisches Original, FSK 16, Dauer: 114 Min.

➩ Eine Dickens-Verfilmung mit Gruselauftakt: Der Waisenjunge Pip begegnet im Nebel auf dem Friedhof einem entflohenen Sträfling und erbt Jahre später von einem unbekannten Gönner ein Vermögen, das ihn von den Menschen entfernt, die ihn großgezogen haben.
➩ David Lean gewann damit zwei Oscars, für Kamera und Ausstattung. Die Szenen mit dem jungen Pip ließ er mit Weitwinkel drehen, damit die Welt so riesig wirkt, wie sie einem Kind vorkommt.
➩ Bei Miss Havisham stehen alle Uhren still, und die Hochzeitstorte haben die Mäuse angenagt. Eine einzige Kränkung hält hier ein ganzes Haus an. Wie gemacht für einen dunklen Abend mit Tee.
Mir kumen on (Doku, 1936)
Läuft bei filmfriend, jiddisch-polnisches Original mit deutschen Untertiteln, ab 12 Jahren, Dauer: 62 Min.

➺ Eine jiddische Doku aus einem Sanatorium bei Warschau, in dem Kinder aus den ärmsten Hinterhöfen der Stadt Licht, Luft und genug zu essen bekommen und ihren Alltag selbst organisieren.
➺ Aleksander Ford drehte den Film mit den Kindern selbst vor der Kamera, um international Spenden für ihre Behandlung zu sammeln. In Polen wurde er verboten, in Paris stellte Luis Buñuel eine herausgeschmuggelte Kopie vor.
➺ Das Lachen der Kinder tut gut und weh zugleich, denn 1942 wurden Kinder und Personal des Sanatoriums nach Treblinka deportiert. Die Doku ist nur eine Stunde lang, aber nichts für einen beiläufigen Abend.
Abschied (1930)
Läuft bei filmfriend, deutsche Originalfassung, FSK 12, Dauer: 78 Min., zum Trailer

➤ Ein Tonfilm-Kammerspiel aus einer Berliner Pension: Peter hat eine Stelle in Dresden in Aussicht, Hella heimlich Schulden, und weil die Wände so dünn sind, hört die ganze Pension mit.
➤ Robert Siodmaks erster Tonfilm, geschrieben von Emeric Pressburger, behandelt den Ton als Mitspieler. Eine Liebesszene zeigt er nur als Zigarette, die auf dem Tisch abbrennt, während allein ihre Stimmen den Raum füllen.
➤ Klavier, Telefon und Staubsauger dringen so selbstverständlich durch die Wände, als wäre die Pension das eigene Mietshaus. Und früh liegt in der Luft, dass hier ein einziges nicht geführtes Gespräch alles entscheidet.
Der Mieter (1927)
Läuft bei filmfriend, Stummfilm mit englischen Zwischentiteln und deutschen Untertiteln, FSK 12, Dauer: 86 Min., zum Trailer

➜ Ein Stummfilm-Thriller im Londoner Nebel: Ein Mörder hat es auf blonde Frauen abgesehen, und ausgerechnet jetzt zieht bei Familie Bunting, deren Tochter blond ist, ein schweigsamer Untermieter ein.
➜ Alfred Hitchcock nannte ihn seinen ersten echten „Hitchcock“. Damit die Schritte des Mieters durch die Zimmerdecke sichtbar werden, ließ er eine Decke aus dickem Glas einbauen und filmte von unten.
➜ Man horcht mit der Wirtin nach oben, zählt die Schritte und traut dem Mann über einem sofort alles zu. Wer noch nie einen Stummfilm geschaut hat, ist hier bestens aufgehoben.
::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
💬 Teilt eure Perspektive:
Wann habt ihr zuletzt einen Film geschaut, der älter ist als ihr selbst, und was hat euch dazu gebracht?
Wir veröffentlichen eine kleine Auswahl eurer Stimmen im nächsten Magazin. Schreibt uns einfach eine E-Mail mit euren Gedanken dazu an redaktion@shelfd.com.
::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
Die großen Klassiker
Die stehen natürlich auch im filmfriend-Regal, nur haben wir sie hier bewusst den Überraschungen überlassen.
In der Reihe „100 Jahre europäisches Kino“ laufen unter anderem „Panzerkreuzer Potemkin“, Vittorio De Sicas „Fahrraddiebe“, Orson Welles’ „Othello“ und mit „Die Mörder sind unter uns“ der erste deutsche Spielfilm nach dem Krieg. Dazu kommen die DEFA-Lieblinge „Spur der Steine“ und „Die Legende von Paul und Paula“, Louis Malles „Auf Wiedersehen, Kinder“, „Das Boot“ und Michael Hanekes „Funny Games“.
Alle 100 Filme findet ihr auf der Themenseite der Reihe:

