Darum geht es in „Succession“
In nur vier Staffeln mauserte sich „Succession“, die HBO-Serie über einen Erbfolgestreit innerhalb des fiktiven Medienkonglomerats Waystar Royco (inspiriert von Rupert Murdochs Medienimperium und Familienzwist) vom Geheimtipp zur vieldiskutierten Sensation. Dabei bieten die Figuren von Succession kaum Identifikationspotenzial. Vielmehr haftet den Mitgliedern der dysfunktionalen Familie Roy bei aller Komplexität etwas Karikatureskes an, das sich zu einem finsteren Familienporträt vermengt.
An der Spitze steht der kaltherzige, konstant „Fuck off!“ bellende Patriarch und Unternehmensgründer Logan Roy (Brian Cox). Umgeben ist er von seinen Kindern Roman (Kieran Culkin), einem in alberner wie verletzender Schlagfertigkeit versierten Tunichtgut, und der sich rechtschaffen gebenden, aber machthungrigen Siobhan, genannt Shiv (Sarah Snook). Etwas außerhalb steht der stets übergangene und in teils groteske Eigentümlichkeit abgedriftete Sohn Connor (Alan Ruck) aus erster Ehe. Doch ein Familienmitglied sticht in besonderer Weise hervor: Kendall Roy (Jeremy Strong).
Kendall Roy im Figuren-Porträt

Der begehrte Vaterkuss
Alle Roy-Geschwister wurden von ihrem Vater in der Kindheit emotional vernachlässigt und gieren noch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter nach seiner Anerkennung, wie auch das abgewandelte „Succession“-Intro von Youtuber Demi Adejuyigbe witzig auf den Punkt bringt.
Doch niemand bewegt sich dabei so sehr in Extremen wie Kendall. Unter völliger Missachtung seines Halbbruders Connor betrachtet er sich als „Erstgeborenen" und damit als legitimen Nachfolger seines Vaters an der Spitze von Waystar Royco. Nach einem absolvierten Harvard-Studium und einem mehrjährigen geschäftlichen Aufenthalt in Shanghai befindet er sich als hinreichend gereift für den CEO-Posten, zumal Logans achtzigster Geburtstag ansteht.
Aber niemand in seiner Umgebung hat seine Drogenexzesse vergessen, die ihn vor einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik seine Ehe gekostet haben. Umso mehr bemüht sich Kendall, wie ein kontrollierter Macher am Puls der Zeit zu wirken. In der ersten Episode rappt der Enddreißiger in der Limousine auf dem Weg zum Hauptquartier von Waystar Royco in New York zum Beastie Boys-Song mit und betritt dann das Gebäude mit aufgeblasener Bro-Attitüde. Wie schnell diese Rüstung aus beherzt platzierten Kraftausdrücken und schneidigem Business-Slang peinlich in sich zusammensacken kann, ist hier schon erahnbar.

Unerbittlicher Machtkampf
Als Logan an seinem Geburtstag schließlich verkündet, dass er doch als CEO weitermacht und Kendall keineswegs als Nachfolger feststeht, verliert dieser die Fassung. Was sich daraufhin entwickelt, ist ein Machtkampf, der zahlreiche Volten schlägt: Logan erleidet einen Schlaganfall, Kendall und Roman nehmen sich in der Zwischenzeit der Geschäfte an und entdecken Haarsträubendes: Waystar Royco hat Kreditschulden in Milliardenhöhe, zudem schwelen seit Jahrzehnten tiefgreifende Skandale um die Kreuzfahrten-Sparte des Unternehmens.
Nachdem Logan halbwegs genesen ist, reißt er die Führung wieder an sich, woraufhin Kendall ein Misstrauensvotum anstrebt, das spektakulär scheitert. Kendall verfällt wieder den Drogen und macht mit seinem Kumpel Stewy gemeinsame Sache, um eine feindliche Übernahme durch ein Konkurrenzunternehmen vorzubereiten. Diese vereitelt er schließlich selbst, als sein Drogentrip auf Shivs Hochzeit einem jungen Kellner das Leben kostet und Logan diesen Vorfall vertuscht – im Gegenzug für Kendalls künftig bedingungslose Loyalität.

Überrascht vom eigenen Mitgefühl
Nach diesem schockierenden Ende der ersten Staffel könnte man Kendall einfach als privilegierten, unkontrollierten Spross einer rücksichtslos agierenden, übermächtigen Mediendynastie abstempeln und verachten. Doch obwohl er dies zweifellos ist, kommt man nicht umhin, in der Zwischenzeit auch Mitgefühl für ihn entwickelt zu haben. Dies liegt zum einen an den vielen emotionalen Verletzungen, die Logan seinem Sohn zufügt. Wiederholt zeigt diese zwischen Komödie und Tragödie changierenden Erzählung, wie etwas in Kendall durch die Verachtung seines Vaters immer tiefer in sich einstürzt. Diese Momente lassen erahnen, wie sehr elterliche Liebe in Kendalls Kindheit Mangelware war.
Dass wir dies erspüren können, hat zum anderen sehr viel mit der intensiven Darbietung von Jeremy Strong zu tun. Als Ende 2021 im New Yorker ein großes Porträt über ihn und seinen Durchbruch mit der Figur Kendall erschien, war die Belustigung groß. Er nehme die Rolle ernster als sein Leben, äußerte Strong dort. Ein Ernst, der angesichts der vor Sarkasmus triefenden Dialoge in „Succession“, des grotesken Verhaltens vieler Figuren (etwa der Emporkömmlinge Tom und Greg) unangebracht schien. Produzent Adam McKay erläuterte im Artikel aber: „Das ist genau der Grund, warum wir Jeremy für diese Rolle besetzt haben. Weil er die Rolle nicht wie eine Komödie spielt. Er spielt sie, als wäre er Hamlet.“

Keine Selbsteinsicht, keine Erlösung
Dementsprechend entwickelt sich Kendall im Verlauf der vier Staffeln zum tragischen Helden, der jeden Schritt in Richtung Emanzipation von seinem Vater und jede Gelegenheit sein selbstzerstörerisches Verhalten zu ergründen, selbst sabotiert. So endet die zweite Staffel, in der Kendall roboterhaft die Befehle seines Vaters exekutiert hat, mit einem triumphalen Schachzug. Die einschlägige Pressekonferenz, bei der Kendall (anstelle von Logan) seinen Kopf für den Kreuzfahrtenskandal hinhalten sollte, nutzt er auf unerwartete Weise: „Die Wahrheit ist, dass mein Vater ein bösartiger Mensch ist – ein Tyrann und ein Lügner. […] Heute ist der Tag, an dem seine Herrschaft endet.“ Ein Mic Drop-Moment sondergleichen, der aber, wie die dritte Staffel zeigt, mit keinem Deut Selbsterkenntnis einhergeht. Seine hochtrabenden Pläne, den eigenen Vater zu stürzen, scheitern, da sich Kendall bald in einem Wust aus Selbstbeweihräucherung, kindischen PR-Aktionen und Drogenexzessen verliert.
Obgleich Kendall anders als sein Vater Ansätze eines Gewissens und ein höheres Empathievermögen als seine Geschwister zeigt, enthüllt die vierte Staffel schließlich seinen Mangel an Integrität. Im Kampf um das Unternehmen und die Nachfolge des inzwischen verstorbenen Logan, ist Kendall bereit, einen rechtsextremen Politiker zu unterstützen und ignoriert jegliche Warnungen seiner Schwester Shiv und seiner Ex-Frau Rava hierzu – ganz ungeachtet dessen, dass seine eigene Adoptivtochter eine PoC ist.
Im Serienfinale offenbart sich schließlich, dass er seinen Selbstwert vollends daraus zieht, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten: „Ich bin wie ein Rädchen und es passt in nur eine Maschine“, erklärt er Shiv verzweifelt, damit sie gegen eine Fremdübernahme von Waystar Royco und für ihn als CEO stimmt. Doch den Gefallen tut sie ihm ebenso wenig wie die Autor*innen von „Succession“: Es gibt keine ‚Redemption Arc‘ für Kendall, denn eine Erlösung fordert eine Selbsteinsicht, zu der Kendall bedauernswerter Weise nicht fähig ist. Die Krone, der er einen irrtümlich hohen Wert beimisst, bleibt ihm verwehrt, unser Mitgefühl für ihn dennoch nicht.
Was uns Kendall Roy lehrt

1. Selbstbewusstsein ist nicht Selbstwert
Mit breiter Brust aufzutreten, scheint Kendall meist keine Probleme zu bereiten – sein Selbstbewusstsein reicht sogar so weit, dass ihm nicht einmal sein Rap-Auftritt zu Logans Geburtstag peinlich ist (uns schon). Und doch sehen wir ihn im Verlauf von „Succession“ immer wieder zusammensinken, sobald der CEO-Posten wieder in weite Ferne rückt. Der Grund: Er zieht seinen gesamten Wert daraus, die Nachfolge seines Vaters anzutreten – und das ist kein Selbstwert, so selbstbewusst er sich auch gibt.
2. Widerwillige Empathie
Der Grad an materiellem Wohlstand, den die Mitglieder der Familie Roy leben, wird der großen Mehrheit der Menschheit und auch der Zuschauer*innenschaft verwehrt bleiben. Zudem sind alle Roys machtbesessene, Unflätigkeiten vollführende, wirklich verachtenswerte Geschöpfe. So erlaubt uns die Komplexität von Kendall Roy tiefere Einblicke in eine geschundene Seele. Das Mitgefühl, das sich daraus auch widerwillig entwickelt, zeigt, dass Empathie, wenn man sie wirklich zulässt, weniger Grenzen kennt, als wir meinen.
3. Integrität ist nicht verhandelbar
Und doch hat auch Empathie ihre Grenzen, wie sich im Verlauf der vierten Staffel erkunden lässt. Kendall, dem man in vorangegangenen Staffeln noch einige wettmachende Eigenschaften unterstellen konnte, zeigt in der finalen Staffel, woraus er gemacht ist: Äußerste moralischer Flexibilität, wenn es um Machterlangung geht. Sein Untergang, obgleich nicht von seinem Mangel an Integrität besiegelt, ist so tragisch wie wohlverdient.