Darum geht es in „Better Call Saul“

Vor einer unerwartet schweren Geburt standen die Serienschöpfer Vince Gilligan und Peter Gould 2013, nachdem die letzte Episode ihrer hochspannenden Erfolgsserie „Breaking Bad“ ausgestrahlt war. Die Finanzierung für ein Spin-off namens „Better Call Saul“ über Walter Whites korrupten und ungeheuer unterhaltsamen Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk) war schon gesichert, aber das Autor*innen-Team um Gilligan und Gould hatte Probleme, einen Zugang zur Figur Saul zu finden.

Wie Gilligan später gegenüber dem Magazin RollingStone beschrieb, fehlte es Saul Goodman einfach an emotionaler Tiefe. Erst als sie sich Gedanken über Sauls Vorgeschichte als Jimmy McGill machten, fanden sie zu dem erzählenswerten Kernplot von „Better Call Saul“. Diese in sechs Staffeln erzählte ‚Origin Story‘ um Jimmy McGill alias Saul Goodman fokussierte mit Drogenbaron Gus Fring (Giancarlo Esposito) und seinem Handlanger Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) noch weitere beliebte Figuren aus dem „Breaking Bad“-Universum, aber eben auch Neuzugänge, die weitaus mehr Gestaltungsmöglichkeiten boten.

Eine davon war Kim Wexler (Rhea Seehorn), für die zur ersten Staffel nur ein sehr vages Konzept feststand: Sie sollte Jimmys Freundin und Vertraute in „Better Call Saul“ darstellen. Doch nach der ersten Staffel avancierte Kim von der nicht näher definierten Nebenfigur zu einer äußerst populären Protagonistin, um deren Schicksal das Publikum bis zur letzten Folge von „Better Call Saul“ bangen sollte.

Kim Wexler im Figuren-Porträt

Das Lächeln, das alles veränderte

Diese große Bedeutsamkeit von Kim als Figur erschließt sich aus ihren ersten Auftritten in „Better Call Saul“ zunächst nicht: Wir begegnen ihr als recht zugeknöpft und professionell wirkender Anwältin in der Kanzlei HHM, die von Jimmys inzwischen von einer psychischen Krankheit befallenem Bruder Chuck McGill (Michael McKean) mitgegründet wurde.

Kim ist mit Jimmy befreundet, seit die beiden einige Jahre zuvor gemeinsam in der Post-Stelle der Kanzlei angefangen und nacheinander ihre Jura-Abschlüsse gemacht haben. Ihre Freundschaft scheint solide, wenn auch nicht ohne Spannungen: Jimmy hegt einen tiefen Groll gegen HHM, weil Howard Hamlin (Patrick Fabian), Leiter der Kanzlei, ihm – so Jimmys Annahme – einst eine Stelle als Anwalt verwehrt hat und sich zudem weigert, Chuck auszuzahlen.

Obgleich sie Job und Freundschaft partout trennen will, wird Kim bald in Jimmys mit gewitzten und zwielichtigen Aktionen geführten Kleinkrieg gegen Howard hineingezogen. Wann sie kann, setzt sie sich gegenüber ihrem Vorgesetzten Howard für ihren guten Freund ein und versucht zugleich, Jimmy zur Besinnung zu bringen.

Doch in „Held“, der vierten Folge der ersten Staffel von „Better Call Saul“, offenbart sich in einem flüchtigen Moment eine weitere Facette von Kim: In der Kanzlei schaut sie mit Howard einen regionalen TV-Beitrag an, in dem Jimmy als Held gefeiert wird, weil er einen Arbeiter vom Sturz einer Anzeigentafel gerettet hat – eine vollends von Jimmy fingierte Aktion. Nachdem Howard empört darüber den Konferenzsaal verlassen hat, fokussiert die Kamera Kims Profil in Nahaufnahme, während ihr ein kleines verstohlenes Lächeln entflieht. Trotz all ihrer sorgsam gepflegten Seriosität hat sie, so zeigt dieser Moment, auch etwas für Jimmys zwielichtige Seite übrig.

Kurven in ihrer Geradlinigkeit

Und diese zwielichtige Seite lernt sie im Verlauf von „Better Call Saul“ noch sehr genau kennen: Ab der zweiten Staffel entwickelt sich eine romantische Beziehung zwischen Jimmy und Kim, wobei sie von Beginn an mit ihren scheinbar größten Stärken aufeinander einwirken. Kim verschafft dem um Klienten ringenden Jimmy eine Stelle bei einer renommierten Kanzlei und Jimmy bringt etwas Unberechenbarkeit in Kims durchprofessionalisiertes Leben. So ergaunern sie sich bei zwei Gelegenheiten eine sündhaft teure Flasche Tequila (der eigens für das Gilliganverse erdachte ‚Zafiro Añejo‘), indem sie vor Investmentbankern ein millionenschweres Geschwisterpaar mimen (ihre Decknamen: Viktor und Giselle).

Bei diesen Gelegenheiten zeigt Kim eine erstaunliche Gabe für Schwindelei, deren Ursprung spätere Rückblenden erforschen: Ihre Kindheit war keineswegs behütet, sondern von einer offenbar suchtkranken, alleinerziehenden Mutter geprägt, die es weder mit der Wahrheit noch mit dem Gesetz besonders genau nahm.

In einer dieser Rückblenden besteht Kim als junges Mädchen darauf, in dunkler Kälte lieber zu Fuß nach Hause zu laufen, statt von ihrer betrunkenen Mutter heimgefahren zu werden. Während ihre Mutter sie für diese Prinzipientreue tadelt, wird Kim Jahre später als beim Ladendiebstahl erwischte Jugendliche, hingegen gelobt: „Das du so etwas drauf hast!“

Eine unberechenbare Idealistin

Mit ihrem Jurastudium und ihrem zunehmend erfolgreichen Werdegang als Anwältin scheint Kim dieses in der Kindheit erlernte verquere Wertesystem hinter sich gelassen zu haben. Und doch keimt im Verlauf von „Better Call Saul“ immer häufiger ihr frühzeitig erlerntes Talent für Trickserei auf, das sie dank ihrer Gerissenheit und ihrem hochprofessionellen Auftreten noch gekonnter überspielen kann als Jimmy. Dieses Talent nutzt sie häufig zum Schutz von Jimmy, etwa als sie Chucks Betrugsklage gegen ihn vereitelt oder als sie Jimmys Komplizen Huell mit äußerstem Ideenreichtum vor einer Gefängnisstrafe bewahrt.

Doch noch offensiver geht Kim Betrügereien an, als sie ihre Karriere weg von der lukrativen Rechtsberatung einer Großbank und hin zur Pflichtverteidigung von unterprivilegierten Klienten lenkt. Ein möglicher Grund ist, dass Kim, die selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammt, mit jedem pro bono-Klienten vor Augen geführt wird, wie ungleich Menschen vom US-amerikanischen Rechtssystem behandelt werden. Zum Ende der fünften Staffel steht ihr Ziel fest: „Ich werde normalen Menschen eine Verteidigung bieten, die sonst nur Milliardäre kriegen“, formuliert sie ihren Traum gegenüber Jimmy. Eine konzertierte rufschädigende Aktion gegen ihren ehemaligen Vorgesetzten Howard Hamlin soll ihr und Jimmy das nötige Budget dafür verschaffen. Es wird das letzte ihrer gemeinsamen ‚Spiele‘ sein – mit schrecklichen Folgen.

Diese Grenzüberschreitung wird Kim sich niemals verzeihen und auch das Publikum kann sie ihr kaum nachsehen. Nicht nur wegen der unbeabsichtigten Opfer, die diese Betrügerei schließlich fordert, sondern auch weil Kim damit ihrem bewundernswert idealistischen Wirken ein unverdient tragisches Ende setzt.

Wofür wir Kim Wexler bewundern

1. Klartext, aber mit Bedacht

Nicht nur von ihren Klienten wird Kim als Frau respektiert, die nicht übermäßig, aber immer klar und wirkungsvoll kommuniziert – selbst einem gewaltbereiten Clanmitglied wie Lalo Salamanca (Tony Dalton) verschlägt es die Sprache, als ihn Kim in nur wenigen Sätzen zusammenstutzt und ihn so von Jimmys Fährte abbringt. Schauspielerin Rhea Seehorn fasste diese Stärke Kims für das Magazin Vulture folgendermaßen zusammen: „Sie scheint sehr genau zu wissen, was sie sagt und wann sie es sagt, und zieht es sehr oft vor, nicht zu sprechen. Ich habe beschlossen, dass das wirklich eine Machtposition ist.“

2. Selbstverantwortung

Es läge nahe für Kim, ihre zunehmend haarsträubenden Betrügereien damit zu erklären, dass sie unter dem schlechten Einfluss von Jimmy steht, doch dies weist sie stets von sich und pocht stattdessen darauf, dass sie eine souverän agierende Frau ist: „Ich fälle meine eigenen Entscheidungen. Ich habe meine eigenen Gründe“, erklärt sie einem verdutzten Howard und jedem anderen Mann, der sie zur Verführten erklären und ihr Fürsorge aufdrängen will. Das imponiert, auch weil vielen anderen Serien- und Filmheldinnen diese so klar ausgesprochene Verantwortlichkeit verwehrt bleibt.

3. Gerechtigkeitssinn

Atticus Finch heißt der Protagonist des Films „Wer die Nachtigall stört“ nach einem Roman von Harper Lee. Finch ist ein vom Drang nach Humanität und Gerechtigkeit beseelter Anwalt, der sich in den von Rassismus geprägten amerikanischen Südstaaten der 1960er als Verteidiger eines zu Unrecht beschuldigten Afroamerikaners einsetzt. Bis heute wird diese Figur von vielen Anwälten verehrt – und auch einer gewissen Kim Wexler ist Atticus Finch, wie sie Jimmy einmal verrät, ein Vorbild. Es mag wie kitschiger Old-School-Idealismus anmuten, aber Kim Wexler nimmt man ihn ab.

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