In mittelgroßen Städten mit überschaubarer Programmkino-Landschaft sind die Spielzeiten von Filmen in Originalversion rar. Gerade Indie-Produktionen verschwinden oft buchstäblich schneller aus dem Programm als ich gucken kann. Will ich einen Film auf gar keinen Fall verpassen, nehme ich aber gern einen Ausflug in die benachbarten Niederlande (keine Synchronisierung!) oder ins Ruhrgebiet (Grüße an das Capitol in Bochum) in Kauf. Für „Sorry, Baby“ hat sich der Trip Anfang des Jahres auf jeden Fall gelohnt. Ganz ohne langen Anfahrtsweg kann man den Film jetzt bei Mubi streamen und ich freue mich schon auf einen Rewatch gemütlich vom Sofa.

Die junge Literatur-Doktorandin Agnes (Eva Victor) ist schlagfertig, witzig und ambitioniert. Mit ihrer besten Freundin Lydie (Naomi Ackie) wohnt sie in einem abgeschiedenen Häuschen in Neuengland und genießt das unbeschwerte Studentinnenleben. Zumindest, bis „das Jahr mit der schlimmen Sache“ passiert und Agnes einen sexuellen Übergriff ihres Professors erleben muss. Drei Jahre später ist sie zwar Literaturprofessorin an der Universität, sieht sich aber noch immer mit den Auswirkungen des traumatischen Vorfalls konfrontiert. 

Ruhig und behutsam erzählt die Tragikomödie Agnes’ Geschichte. In fünf zeitlich nicht linearen Kapiteln steht dabei aber nicht der Vorfall selbst im Mittelpunkt, sondern die in Agnes’ Leben nun überall spürbaren Nachwirkungen des Traumas, dessen Heilung ebenfalls fragmentarisch passiert. So sehen wir als Zuschauende den Übergriff nicht, harren stattdessen aus, während die Kamera eine gefühlte – nur schwer auszuhaltende – Ewigkeit die Fassade des Hauses filmt, in dem die Tat geschieht, aber folgen anschließend Agnes’ präzisen, berührend nüchternen Schilderungen, als sie Lydie von dem Vorfall berichtet.

„Sorry, Baby“ ist Eva Victors Spielfilmdebüt und basiert auf persönlichen Erlebnissen. Victor übernahm nicht nur die Hauptrolle, sondern lieferte auch das Drehbuch und führte Regie. Entstanden ist ein feinfühliger, authentischer Blick auf das Leben nach dem Missbrauch und auf die noch immer selten vollkommen vorurteilsfrei beleuchteten Perspektiven Betroffener.

Während es erschütternd ist mit anzusehen, wie sehr die Erlebnisse Agnes von ihrem Umfeld isolieren, wie selten sie echtes Mitgefühl erfährt und wie herausfordernd es ist, Halt und Orientierung zurückzugewinnen, gelingt es Victor immer wieder auch leichtere Töne anzuschlagen: die bedingungslose Freundschaft zwischen Lydie und Agens, die vorsichtige Nähe zum verlässlichen Nachbarn Gavin (Lucas Hedges) und die kleinen Momente, die immer mal wieder Freude und Unbeschwertheit in Agnes’ Leben zurückbringen und dem Film trotz aller Schwere eine tröstliche, hoffnungsvolle Note verleihen. 

Ihr könnt „Sorry, Baby“ aktuell bei Mubi streamen. Überprüft die dauerhafte Verfügbarkeit via werstreamt.es.

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