Vor genau einem Jahr, im Juli 2025, sind wir umgezogen. Ich weiß noch, wie ich mit dem Zollstock durch das leere Wohnzimmer gelaufen bin und überlegt habe, welche Wand die schönste ist. Nicht für ein Bild, sondern für das Ambilight. Ich habe damals ernsthaft einen ganzen Raum nach dem Hintergrundleuchten meines Fernsehers ausgerichtet.

Heute hat dieser Fernseher Rollen bekommen.

Vor ein paar Monaten musste er aber erst mal weg. Denn wir wollten unserer Tochter eine Ecke zum Toben schenken, und die war uns wichtiger als ein Fernsehtisch. Also flog der Tisch raus und das Gerät obendrauf gleich mit.

Erst stand der TV in der Rumpelkammer und hat mich mitleidig angeschaut, wenn ich mein Leergut wegsortiert habe. Dann habe ich mich dazu entschieden, ihn mit einem rollbaren Rack wiederzubeleben. Theoretisch kann er jetzt in jedes Zimmer. Praktisch steht er die meiste Zeit bei mir im Arbeitszimmer (wieder in der Ecke).

Ich bin super stolz auf die Lösung: Sie untergräbt nicht die erste Entscheidung und fühlt sich nach einer Freiheit voller Möglichkeiten an.

Zwölf Monate

Was mich daran umtreibt, ist nicht der Verlust. Es ist die Geschwindigkeit.

Zwölf Monate haben gereicht, um zu verschieben, wofür dieser Raum da ist. Ja sogar, wie ich ihn in den vergangenen paar Jahrzehnten meines Lebens genutzt und gewichtet habe. Und die Entscheidung hatte mit Streaming nicht das Geringste zu tun. Sie hatte mit einem Kind zu tun, das Platz braucht. Der Fernseher war einfach das, was am ehesten verzichtbar schien.

Wenn sich in einem Jahr so viel bewegt: Wie wird mein und unser aller Wohnzimmer dann erst in 2030 aussehen? Oder in 2040?

Ich wollte das wirklich wissen. Nicht als Branchenfrage. Wie viele Streaminganbieter es 2030 gibt, interessiert mich ehrlich gesagt nur mittel. Sondern als Wohnzimmerfrage: In was für einem Zimmer wird meine Tochter irgendwann ihren ersten Lieblingsfilm finden? Und wer hat ihn in dieses Zimmer gebracht?

Also habe ich angefangen zu suchen und bin mal wieder richtig eskaliert. Willkommen zu einer neuen Folge von „David recherchiert“.

Wohin ein Wohnzimmer zeigt

Fangen wir mit einem Blick zurück an. Als der Fernseher in den 1950ern in die deutschen Wohnzimmer kam, war er kein Gerät, sondern ein Möbelstück. Er stand auf Beinen, hatte manchmal Türen zum Zuklappen und kostete so viel, dass man ihn nicht einfach in die Ecke schob. Der Raum wurde um ihn herum gebaut.

Und mitten in diese Zimmer hinein startete am 22. November 1959 eine kleine Sendung, die vor dem Schlafengehen lief. Auf die kommen wir gleich noch zu sprechen.

Was danach kam, kennen wir alle: Farbe, Fernbedienung, mehr Programme, Videorekorder, DVD, Flachbild, Streaming. Nur eine Sache blieb überraschend stabil, und das weiß ich jetzt ziemlich genau. Denn seit 2004 stellt sich die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt das deutsche Durchschnittswohnzimmer in ihre eigenen Büroräume. Möbliert streng nach Daten des Statistischen Bundesamtes und der Konsumforschung. Dort „wohnt“ die fiktive Familie Müller, und das Zimmer wird laufend aktualisiert.

Als „brand eins“ 2017 dort vorbeigeschaut hat, war die Bilanz nach 13 Jahren: Die Sitzgruppe ist auf den Fernseher ausgerichtet, daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. Auch wenn der Fernseher inzwischen flach ist und die Sofas nicht mehr ganz so weich zum Hineinsinken einladen.

13 Jahre lang wechselten Farben, Formen, Geräte, Tapeten. Was sich nicht änderte, war die Richtung, in die der Raum zeigt.

Und jetzt der Teil, der mich beim Recherchieren wirklich kurz innehalten ließ: Dieses Zimmer steht in einer Werbeagentur. Damit Menschen, die Werbung machen, sich reinsetzen und wissen, wo sie hinzielen. Deutschlands Wohnzimmer existiert seit mehr als zwanzig Jahren als Arbeitsgerät der Werbebranche. Das kommt gleich noch mal.

Bei mir zeigt die Sitzgruppe seit einem Jahr auf eine Spielecke. Das war keine Medienentscheidung. Aber es war eine Entscheidung darüber, wohin dieser Raum zeigt.

Und genau das ist die Frage, mit der ich losgelaufen bin.

Was der Markt gerade macht (und was mich daran überrascht hat)

Erstens: Die Rechnung wird bald nicht mehr von uns bezahlt.

Der Marktforscher Omdia rechnet damit, dass Fernsehen und Online-Video bis 2030 zusammen die Billion-Dollar-Marke knacken. Wachsen tut aber fast nur ein Bereich: Werbung. Ihr Anteil an den Gesamterlösen steigt von 40 auf 53 Prozent. Abos wachsen dagegen kaum noch, die gelten als ausgereizt.

Wir waren mal die Kundschaft. Wir werden gerade wieder zu dem, was an die Kundschaft verkauft wird.

Das günstige Abo mit Werbung ist bei fast jedem Anbieter der Standardeinstieg. Wer werbefrei schauen will, zahlt inzwischen den Aufpreis. Vor zwei Jahren war letzteres noch der Standard.

Und während ich an diesem Text schreibe, geht es schon eine Stufe weiter. Paramount arbeitet laut Business Insider an einem kostenlosen Bereich innerhalb von Paramount+, intern „Free Front Porch“ genannt. Sie wollen ausgewählte Filme und Folgen ohne Abo anbieten, also gegen Werbung. Der Start ist bereits für das dritte Quartal geplant, aber erst mal auf die USA und die mobile App beschränkt. Bei Disney+ laufen ähnliche Überlegungen, und Netflix schließt ein Gratismodell für einzelne Märkte zumindest nicht mehr aus.

Ein Detail daran finde ich verräterisch: Umsonst schauen darf man trotzdem nur mit Account. Denn erst der Login macht die Werbung persönlich. Gratis heißt hier also nicht „ohne Gegenleistung“, sondern „bezahlt mit deinen Daten“.

Zweitens: Es kommt weniger Neues.

Das hat mich am meisten irritiert, weil es allem widerspricht, worüber ich hier seit Jahren schreibe. Die Analysten von Ampere sehen zwar steigende Budgets, aber die Zahl der beauftragten Produktionen stagniert. Im Klartext: Jede einzelne wird teurer. Und die Abstände zwischen zwei Staffeln haben sich seit 2020 sogar verdoppelt.

Zwischen Staffel eins und zwei passen inzwischen zwei Schwangerschaften! WTF. Wer soll da noch dranbleiben? Immer häufiger wird darum gekündigt, weil es keinen Grund gibt, die Wartezeit auch noch zu bezahlen.

Kommt dann doch endlich die ersehnte Fortsetzung, scheint die lange Pause zumindest unmittelbar für etwas mehr Abrufe zu sorgen. Denn nun gilt es ja, sich mit den alten Folgen noch mal warm zu streamen.

Für uns auf der Couch heißt das: weniger, aber dafür größere Ereignisse. Und ein Gefühl, das ich in den letzten Monaten öfter hatte, als mir lieb ist. Nämlich dass ich mich beim Start einer neuen Staffel erstmal fragen muss, was hier zuletzt eigentlich genau passiert ist.

Drittens, und das relativiert Punkt zwei sofort: Es kommt „mehr“ Altes.

Wenn weniger Neues produziert wird, wird der Katalog zum eigentlichen Produkt. In einem meiner vergangenen Staffelläufe „Einschaltquote gesucht“ habe ich das auch schon in den Zahlen bestätigt gefunden: Die Hälfte aller gestreamten Minuten entfällt bereits auf Archivinhalte vor 2023.

Allein bei den kostenlosen, werbefinanzierten Kanälen in Westeuropa liefen im vergangenen Jahr 43.000 Serienstaffeln. Eigenproduktionen darunter: keine einzige.

Eine Welt, die ausschließlich aus Wiederholungen besteht und trotzdem wächst? Vorstellbar.

Das Gute daran: Wer gerne gräbt, findet gerade mehr als je zuvor. Das Nervige: Was oben auf der Startseite landet, ist immer seltener das, was neu ist, und immer öfter das, was gerade günstig verfügbar ist.

Viertens: Es wird gebundelt wie verrückt

HBO Max mit RTL Plus, Bild Plus mit Amazon Prime, Wow mit Netflix, MagentaTV mit Disney Plus. Wer heute keine eigenen Zuschauer- und Käufer*innen mehr findet, der tut sich halt mit der Konkurrenz zusammen.

Das Ganze grenzt schon fast an Irrsinn, weil die Leute dadurch wirklich nur noch auf Neukundenboni getrimmt werden. Ja, man ist fast blöde, wenn man mal bei einem Anbieter bleibt und nicht munter durchwechselt.

Und damit wird auch das Kündigen zur Daueraufgabe. Ich kenne kaum noch jemanden, der genau sagen kann, welche Abos gerade laufen und warum.

Alles deutet darauf hin, dass sich Streaming einfach bald nur noch wie Fernsehen früher anfühlen wird (argh).

Wo die Aufmerksamkeit tatsächlich hingeht

In den USA ist Streaming inzwischen größer als Kabel und Antenne zusammen. Bei uns ist es noch nicht so weit. Laut ARD/ZDF-Medienstudie bleibt lineares Fernsehen hierzulande weiterhin das meistgenutzte Bewegtbildangebot. Bei den unter 30-Jährigen schaut allerdings schon weniger als die Hälfte überhaupt noch regelmäßig fern.

Und eine Verschiebung ist auch bei uns eindeutig: Social Media und Youtube haben die Streamingdienste überholt. Deren Wachstum ist erst mal gestoppt, während Mediatheken, Youtube und soziale Netzwerke zulegen.

Nicht Netflix frisst also das Fernsehen. Youtube frisst beide.

Wer zahlt wann

Das ergibt Sinn, wenn man sich anschaut, wie das ökonomisch funktioniert. Netflix gibt 2026 rund 20 Milliarden Dollar für Inhalte aus, bevor irgendjemand irgendetwas davon gesehen hat.

In das Programm von ARD und ZDF fließen rund 4,4 Milliarden Euro pro Jahr – wobei die festangestellten Menschen, die diese Programme machen, in dieser Zahl noch gar nicht drinstecken.

Netflix zahlt vorher und trägt das Risiko. Youtube zahlt hinterher und schiebt das Risiko weiter. Und der Rundfunkbeitrag? Der wird von allen vorher bezahlt – egal, ob jemand einschaltet oder nicht.

Über kein Modell wird so gestritten wie über dieses. Aber es ist auch das einzige der drei, in dem eine Sendung 67 Jahre lang jeden Abend laufen kann, ohne sich täglich neu rechnen zu müssen. Mehr dazu später.

Ausgeschüttet wird übrigens bei Youtube durchaus auch ordentlich, mehr als 100 Milliarden Dollar in den vergangenen vier Jahren. Nur zahlen sie eben erst, wenn ein Video funktioniert hat. Das Risiko trägt komplett die Person, die hochlädt.

Das Regal füllt sich von selbst. Niemand muss dafür vorab zahlen. Deshalb gewinnt Werbung unterm Strich.

Werbung braucht allerdings gar keine zwei Stunden Aufmerksamkeit am Stück. Ihr reichen viele kurze.

Passend dazu die Arbeit von der US-amerikanischen Psychologin und Professorin Gloria Mark. Sie misst seit 2004, wie lange Menschen auf einem Bildschirm bleiben, bevor sie wechseln, was dieser zeigt. 2004 waren es zweieinhalb Minuten. Heute sind es noch 47 Sekunden.

Sie misst allerdings Bildschirmwechsel bei der Arbeit, nicht unsere Fähigkeit, einen Film zu schauen. Die Zahl beweist also nicht, dass wir keine zwei Stunden mehr durchhalten. Sie zeigt vor allem, dass wir in einer Umgebung leben, die uns alle 47 Sekunden einen Ausgang anbietet.

Und ich frage mich, ob mein Wohnzimmer nicht längst dazu gehört (mindestens ab und zu, wenn das Handy mal wieder in der Hand bleibt, während irgendwas läuft).

Wer die Rechnung bezahlt, entscheidet mit

Wenn ich diese Bewegungen nebeneinander lege, fällt mir auf: Keine einzige davon handelt davon, was am Freitagabend bei mir läuft. Sie handeln alle davon, wer die Rechnung bezahlt. Werbung statt Abo. Katalog statt Neuproduktion. Bundle statt Einzelabo. Ausschüttung hinterher statt Investition vorher.

Nur entscheidet das eine eben über das andere mit. Ein Katalog, der zum Produkt wird, schiebt mir andere Titel hin als ein Dienst, der Milliarden vorab in Neues steckt. Eine Oberfläche, die von Werbung lebt, sortiert anders als eine Redaktion mit einem Sendeplatz um 18:54 Uhr.

Und dasselbe gilt für den Raum. Ein Wohnzimmer, das auf einen Fernseher zeigt, wurde so gebaut. Von Möbelherstellern, von Elektrokonzernen, von Sendern und von einer Werbebranche, die sich extra ein Musterexemplar ins Büro gestellt hat. Ein Wohnzimmer, das nach unten in die Hand zeigt, hat dagegen niemand entworfen. Das ist einfach passiert.

Damit stellt sich meine Ausgangsfrage nochmal anders. Nicht nur, wie ein Film in das Wohnzimmer meiner Tochter kommt. Sondern: Wer hat entschieden, dass ausgerechnet der ihr dort begegnet?

Vier mögliche Wohnzimmer in 2030

Okay, soweit meine Recherche. Ich habe mich mit großer Freude von einem Becken ins nächste geworfen, um ein bisschen darin zu schwimmen. Doch wo landen wir jetzt beim Streaming im Jahr 2030?

Diese vier Wohnzimmer sehe ich in den Zahlen:

Das Bundle. Ein Abo für alles, eine Oberfläche für alles. Inklusive Werbepausen und Titeln mit Ablaufzeiten. Fühlt sich an wie Sky in 2005, nur in ein bisschen besserer Auflösung.

Der Feed. Der Fernseher läuft, aber die Aufmerksamkeit liegt hochkant in der Hand. Das Wohnzimmer dient nicht mehr als Zentrum, sondern nur noch als Hintergrund.

Der unendliche Katalog. Erste Dienste lassen einen die nächste Folge per Texteingabe selbst erzeugen, KI „sei Dank“. Alles verfügbar und doch kein Moment mit irgendwem geteilt. Niemand kann mehr mit niemandem über einzelne Folgen reden.

Die Insel. Kuration, Communities, Menschen, die einem etwas hinlegen. Klein, aber messbar größer werdend.

Alle vier Szenarien schließen sich nicht aus. Wahrscheinlich passieren sie sogar alle gleichzeitig. Nur ungleich verteilt, je nachdem, wie viel Ruhe man sich leisten kann.

Und 2040? Da hört jede seriöse Prognose auf, deshalb nur so viel: Meine Tochter ist dann fünfzehn. Sie wird Dinge schauen, die ich nicht verstehe. Das ist ihr gutes Recht und wahrscheinlich sogar ihre Aufgabe.

Was jeden Abend um 18.54 Uhr passiert

Neulich saßen wir irgendwann zwischen Abendessen und Bett auf der Couch, und ich habe auf dem fahrenden Fernseher den Sandmann angemacht.

Sie mochte ihn sofort. Und der Schlafsand wirkt tatsächlich, das kann ich als Fachmann für Baby-will-nicht-müde-werden inzwischen bestätigen.

Ihr ahnt schon, welche Sendung ich oben meinte. Beim Recherchieren habe ich dann zu guter Letzt mal nachgeschaut, seit wann es das Sandmännchen eigentlich schon gibt: seit dem 22. November 1959. Damit ist es auch die älteste Kindersendung, die bis heute produziert wird.

Mehr als eine Million Menschen schauen jeden Abend immer noch zu. Es läuft im linearen Fernsehen, in den Mediatheken, auf Youtube und in Apps – alles gleichzeitig. Es läuft damit genau genommen auch in allen meiner vier Wohnzimmer-Projektionen von oben.

Und es läuft weiter jeden Abend um 18.54 Uhr.

Aber ein Format, das jeden einzelnen Plattformwechsel der vergangenen 66, bald 67 Jahre überstanden hat, hat das nicht geschafft, indem es überall abrufbar wurde. Es hat es geschafft, indem es ein Termin geblieben ist. Eine Routine und Gewohnheit.

Es war schon da, als der Raum zum ersten Mal auf einen Bildschirm zeigte. Und es ist immer noch da, jetzt, wo meiner es nicht mehr tut.

Für meine Tochter ist Streaming deshalb bislang gerade das genaue Gegenteil von dem, was wir alle darin sehen: kein unendliches Regal, kein Katalog, sondern ein wiederkehrender Moment am Abend.

Und damit bin ich bei meiner Ausgangsfrage: Wer hat den Sandmann genau hier und heute in unser Wohnzimmer gestellt?

Eine Redaktion, 1959. Und dann jeden Abend wieder. Und ich, der ihn angemacht hat.

Was ich aus all den Zahlen mitnehme: Das Überangebot ist heute und 2030 gar nicht unser eigentliches Problem. Es war nie die Menge. Es ist die Frage, wer entscheidet, was uns davon begegnet. Und ob diese Entscheidung jemand für uns getroffen hat oder eine Maschine für sich selbst.

Solange die Antwort darauf ein Algorithmus ist, gibt es einen Grund für das, was wir hier tun.

Und so lange rollt mein Fernseher von nun an eben durch die Wohnung. Wohin er zeigt, entscheide ich.

Jetzt zu euch

Was glaubt ihr, in was für einem Wohnzimmer ihr 2030 streamt? Und wer bringt euch die Inhalte, die ihr euch anmacht? Wäre ja witzig, wenn ihr auch so ein Sandmann-Beispiel kennt. Das würde meine Zuversicht etwas stärken, dass am Ende alles gut wird. Schreibt es mir drüben in der Shelfd Community.

Happy Streaming,
David

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