Irgendwann in den vergangenen Jahren ist es passiert: Ich habe angefangen, alles im Original zu schauen. Englische Serien sowieso, aber dann auch französische Filme, koreanische Thriller und schließlich sogar japanische Animes – mit Untertiteln, versteht sich. „OV“ nennt sich das, die Originalversion.
Das Unangenehme daran war weniger, was ich selbst schaute, sondern was mir plötzlich bei anderen auffiel. In meinem Umfeld gucken viele „einfach auf Deutsch“, und ich ertappte mich bei dem Gedanken: Wie kann einen die Synchro denn bitte nicht stören? Da war er, der OV-Snob in mir. Und ehrlich gesagt ist das fast noch ein bisschen peinlicher als die Sache, über die ich mich erhob.
Ein Plädoyer für den OV-Snob
Bevor ich mich selbst kritisiere, will ich mir gegenüber fair sein, denn ein paar gute Gründe für OV gibt es ja. Im Original bleibt eine Ebene erhalten, die in der Übersetzung zwangsläufig verloren geht. Wortwitze, die nur in einer Sprache funktionieren. Der Dialekt, der eine Figur verortet. Und vor allem die echte Stimme der Schauspieler*innen und damit ihr Timing, ihre Betonung, das Brüchige in einem Satz. Das ist ja Teil ihrer Leistung, und die höre ich im Original eben ungefiltert.Dazu kommt ein sehr subjektiver Punkt: Mir fällt die Synchro extrem auf. Die Lippen, die sich nicht ganz passend bewegen, der Ton, der im Studio zu sauber klingt, die Stimme zu künstlich. Und sobald ich das einmal sehe, kann ich es nicht mehr entsehen.
Alles Quatsch (zumindest so halb)
Aber Synchro fällt eben nur auf, wenn man sie nicht gewohnt ist. Wer mit deutschen Fassungen aufgewachsen ist, stört die Unsauberkeiten gar nicht. Erst der Umstieg machte sie bei mir sichtbar. Was ich für ein Qualitätsurteil hielt, war zu großen Teilen Gewöhnung.
Das gilt in beide Richtungen. Ich darf OV für mich bevorzugen. Aber deshalb muss ich nicht meine Familie zwingen, zu Weihnachten „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ (2009) mit Jim Carrey auf Englisch zu schauen oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) im tschechischen Original.
Und dann ist da noch die soziokulturelle Ebene: OV zu schauen setzt voraus, dass man die Sprache gut beherrscht oder schnell genug mitliest. Das als Maßstab für „richtiges“ Schauen zu nehmen, ist schon eher anmaßend gegenüber allen, für die Synchro schlicht der Zugang zum Film ist.
Deutsche Fassung – wir kennen uns schon länger
Es kommt noch dazu, dass Synchro für mich manchmal etwas ist, das OV gar nicht sein kann. Zum Beispiel habe ich die Serie „Dance Academy“ (2010-13) als Teenie immer auf Deutsch geschaut. Jahre später habe ich die Originalfassung gestreamt, und es fühlte sich fremd an, obwohl das ja das „Echte" war.
Am krassesten war das bei „Harry Potter“. Als ich die Originalstimmen zum ersten Mal hörte, bin ich fast erschrocken, wie viel tiefer sie klangen als das, was ich mein halbes Leben lang im Ohr hatte. Nicht schlechter, nur eben nicht meine Version.
Eine Lanze für die Synchro
Und dann muss man dem Ganzen auch mal zugestehen: Deutschland kann Synchro richtig gut. Wir haben eine hochprofessionelle Synchronbranche, die daran feilt, dass Texte inhaltlich stimmen und auf die Lippenbewegungen passen.
In anderen Sprachen fällt mir die Synchro noch viel stärker auf – zuletzt etwa bei „Maxton Hall“ (seit 2024). Die Serie ist eine deutsche Produktion, wurde aber für den weltweiten Erfolg unter anderem ins Englische synchronisiert. Und die Stimme passte in Teilen gar nicht zu den Lippenbewegungen, sodass es schon fast etwas Komisches hatte. Im Gegensatz dazu genieße ich unsere Synchrokultur.
Dass Deutschland da so gut drauf ist, liegt daran, dass der deutschsprachige Markt mit rund 100 Millionen Menschen groß genug ist, dass sich der Aufwand lohnt. Für kleinere Länder wie die Niederlande oder Schweden war das lange schlicht nicht wirtschaftlich, weshalb dort untertitelt wurde (und die Leute dadurch besser Englisch gelernt haben).
Und nu?
Ich schaue immer noch am liebsten im Original und werde eine OV-Puristin bleiben, aber ich finde es voll okay, wenn ich mal die deutsche Fassung mitschaue. OV, Synchro, Untertitel sind kein Ranking, sondern eher Regler: Mal will ich die echte Stimme einer Schauspielerin hören, mal die vertraute aus meiner Kindheit, mal einfach nur abschalten, ohne mitlesen zu müssen. Und natürlich sollte das jede*r für sich selbst entscheiden.
Happy Streaming,
Leya
