Staffellauf #100 von Leya Lourenco • 01. Mai 2026
Vergangene Woche fand zum 43. Mal das Internationale Frauen Film Fest Dortmund+Köln (IFFF) statt. Und auch wenn ich nicht die gesamte Woche dabei sein konnte, habe ich das Wochenende durchgepowert und mir einen Film nach dem anderen angeschaut. Das Festival möchte „den Einfluss von Frauen in allen Gewerken der Kinoindustrie“ stärken, wie es auf der Website heißt. Das brachte mich ins Grübeln: Braucht es eigentlich solche Festivals? Und schnell formte sich diese große Frage auf eine zu meinem eigenen Streamingverhalten um:
Gucke ich eigentlich genug Filme von Regisseurinnen?

It's a Man's World
Die Statistiken sind, und das ist wohl nicht zu viel gesagt, erschreckend. Von IMDbs Top 250 Filmen sind gerade einmal vier von Regisseurinnen. Und auch in der knapp 100-jährigen Geschichte der Oscars haben erst drei Frauen den Preis für die „Beste Regie“ gewonnen.
Der Blick auf meine eigenen Zahlen ließ mich ebenfalls ungläubig zurück: Von den 24 Filmen, denen ich bei meinem Letterboxd (einer Filmbewertungsplattform) fünf von fünf Sternen gegeben habe, sind nur zwei von Frauen. Ganz ertappt fühlte ich mich, als jemand, der sich selbst als Feministin versteht. Meine 5-Sterne-Bewertungen lesen sich wie die Bestenliste eines waschechten Filmbros. Ich habe mehr Filme von Quentin Tarantino in dieser Liste als von Frauen – Autsch! Ich liebe doch die Filme von Kelly Reichardt, die Dramen von Maren Ade. Aber warum machen Regisseurinnen nur einen so kleinen Teil meiner Liste aus? Bin ich doch „male-centered“ und gar nicht so feministisch, wie ich denke?
Where are my girls at?
Mal abgesehen von ungleichen Strukturen innerhalb der Filmproduktion, die alleine das Angebot schon minimieren, spielt in mein, aber auch unser aller Sehverhalten der „male gaze“ mit hinein. Geprägt wurde der Begriff von der Filmtheoretikerin Laura Mulvey. Er beschreibt – verkürzt – die „vorherrschende männliche Erzählperspektive in Film“, wie es das Bündnis Gemeinsam gegen Sexismus ausdrückt. Und demnach entwickelt sich auch unsere Sehgewohnheit, denn wir sind alle mit dem männlichen Blick auf die Welt aufgewachsen. Klar: Im Fernsehen liefen mehr Filme von männlichen Regisseuren. Wenn wir uns die Top 250 bei IMDb anschauen, sehen wir Filme, die aus der Perspektive eines Mannes sind. Streamen wir einen Oscar-prämierten Film, hat wahrscheinlich ein Mann Regie geführt. So schleicht sich diese Perspektive ganz natürlich in unseren Geschmack ein. Diese Art, diese Erzählweise der Filme wird zu dem, was wir erwarten, das ist für uns „universell“ und „normal“, es gefällt uns (und mir ja auch).
Dazu kommt der Algorithmus. Streamingdienste wie Netflix oder Prime Video zeigen uns vor allem Filme, die unserem bisherigen Geschmack entsprechen. Hierzu haben wir ja schon von David was in seinem Staffellauf gehört. Der Algorithmus ist nämlich kein Kurator, er ist ein Spiegel. Und wenn ich bisher hauptsächlich Filme aus männlichen Perspektiven geschaut habe, schlägt mir der Algorithmus ähnliche Filme vor. Er bestätigt unseren Geschmack, anstatt ihn herauszufordern.
Brauchen wir Frauenfilmfeste?
Genau deshalb sind Initiativen wie das IFFF so wichtig. Seit mehr als 40 Jahren zeigt das Festival bewusst Filme von Regisseurinnen. Das Festival schafft Räume, in denen Filme von Frauen im Mittelpunkt stehen, in denen alternative Erzählmodelle gezeigt werden, die es im Mainstream-Kino beziehungsweise beim Streamen seltener gibt. Und es funktioniert: Durch das Festival bin ich auf großartige Filme gestoßen, die mir nach meiner Letterboxd-Liste wahrscheinlich nicht empfohlen worden wären. Etwa „Nunkiu“ (2026) von Verenice Benítez, in dem es um den Widerstand gegen transnationale Bergbauunternehmen am Amazonas, aber gleichzeitig ums Frauwerden der Hauptfigur geht. Oder das Debüt von Jacqueline Jansen, „Sechswochenamt“ (2025), in dem die trauernde Hauptfigur Lore nach dem Tod ihrer Mutter auf familiären und bürokratischen Gegenwind stößt.
Aber auch außerhalb von Festivals gibt es Möglichkeiten, bewusster zu streamen. Mubi zum Beispiel kuratiert regelmäßig Kollektionen von Regisseurinnen oder queere Perspektiven. Dort finde ich Filme, die meinen Geschmack erweitern – und das nicht nur zum Weltfrauentag oder im Pride-Month, sondern das ganze Jahr über.
Und nu?
Ich werde meine Letterboxd-Statistik und damit im weitesten Sinne meinen Geschmack nicht über Nacht ändern können. Aber ich kann versuchen, diese festgesetzten Vorlieben zu erweitern. Ich kann beispielsweise gezielt nach Filmen von Regisseurinnen suchen, Festivals besuchen oder kuratiertes Streamingangebot nutzen, etwa von Mubi oder auch von Shelfd (😉). Ich denke, es ist wichtig, um am Ende auch zu verstehen, warum uns etwas gefällt und somit auch selbstständig über unseren nächsten Stream zu entscheiden.
Die Frage an euch
💬 🍿 Weiter geht's in der Shelfd Streaming-Community:
- Habt ihr schon mal nachgezählt, wie viele der Filme, die ihr wirklich geliebt habt, von Frauen stammen?
- Wann habt ihr zuletzt einen Film bewusst wegen der Regisseurin ausgewählt?
Bringt euch mit ein in die Diskussion.
Happy Streaming,
Leya
