BÄM, letzte Szene, Film zu Ende, der Abspann läuft. Und läuft. Und läuft. Und ich? Ich sitze immer noch auf dem Sofa, wie versteinert, kann mich nicht bewegen. Die Decke habe ich mir bis unters Kinn gezogen. Da muss sie sein, nur wenige Zentimeter von meinen Augen entfernt und stets griffbereit, sie kurz hochzuziehen, wenn ich eine Szene nicht aushalten kann. 

Was ich hier beschreibe, ist mein klassisches „Post-Horror-Ich“, eine Version meiner Selbst, die nur dann auftaucht, wenn ich mal wieder einen wirklich guten Horrorfilm gesehen habe.

Wer das liest, fragt sich vielleicht – zu Recht – warum ich mir das Mal für Mal antue, wenn ich doch offensichtlich gar nicht gut damit umgehen kann. Ja, warum eigentlich? Warum versetze ich mich absichtlich in die Gänsehaut, in eine Mischung aus halbem Herzstillstand und -klopfen bis zum Hals, kralle dabei wahlweise die Nägel in ein Kissen, meinen Nebensitzer oder meine Nebensitzerin und liege im Anschluss mit weit aufgerissenen Augen im Bett, aus Angst unfähig zu schlafen. Denn wer oder was könnte nachts an meinem Bett stehen? 

Was ist das mit dem Horror und mir?

Die Antwort auf diese Frage ist selbst für mich nicht einfach zu beantworten. Ja, die Schlafprobleme und der Herzkasper sind eindeutig Gründe, es zukünftig sein zu lassen. Doch – und das mag jetzt Sinn machen oder nicht – das kann ich nicht. Denn ich sage es euch, wie es ist: So sehr ich das alles auch hasse und mich während des Films und nach der letzten Szene verfluche, so sehr liebe ich es auch. Das Erschrecken, das Gruseln,  das Miträtseln und -fiebern – alles! Ich liebe es, während des Films Theorien aufzustellen, mich mit den Protagonist*innen zu fürchten und gemeinsam zu hoffen, dass sie dieses Was-auch-immer-da-passiert überleben. 

Damit bin ich nicht alleine: Erst kürzlich lief „Obsession“ im Kino, ein Low-Budget-Film aus den USA. Darin ist Bear (Michael Johnston) in Nikki (Inde Navarrette) verknallt. Weil er glaubt, keine Chance bei ihr zu haben, wünscht er es sich beim dubiosen Unternehmen „One Wish Willow“ – und muss kurz darauf feststellen, dass das gar keine gute Idee war. 

„Obsession“ kostete in der Produktion weniger als eine Million US-Dollar. Weil er aber so gut ankam beim Publikum, weil Clips und Auszüge auf TikTok und Co. viral gingen und die Kritiker*innen ihn in den Himmel lobten, rannten die Leute den Kinos dafür die Bude ein. Insgesamt spielte der Film bisher etwa 500 Millionen US-Dollar ein – und ist damit der bisher erfolgreichste Low-Budget-Film überhaupt. 

Aktuell läuft außerdem der neue Zombiefilm „Resident Evil“ von Regisseur Zach Cregger im Kino. Auch Nicht-Horror-Fans sollten schon mal von der Reihe gehört haben, immerhin zählt „Resident Evil“ zu den bekanntesten Computer-Games weltweit, die ersten Filme mit Milla Jovovich in der Hauptrolle waren so erfolgreich, dass gleich sechs davon gemacht wurden. Der jetzige, mit Austin Abrams als Kurierfahrer Bryan im Fokus, räumt aktuell nicht nur die besten Kritiken, sondern auch das meiste Geld ab: mehr als 100 Millionen Dollar allein am ersten Wochenende. Reicht das aus, um zu verdeutlichen, dass ich mit meinem Faible für Horror nicht alleine bin?

Es gibt Grenzen

Ob es bei jedem jetzt auch so eine Hassliebe ist wie bei mir, weiß ich natürlich nicht. Ich möchte an der Stelle auch noch mal betonen, dass man mir jetzt auch nicht alles vorsetzen kann. Splatter, Slasher und Co. sind nicht meins, rohe Gewalt, Blutfontänen und Ekelhorror kann ich mir sparen. Aber wenn man es so macht wie Zach Cregger, dann bitte, bitte gebt mir mehr davon! Der ist nämlich nicht nur für „Resident Evil“ verantwortlich, sondern hat unter anderem auch „Weapons“ gedreht, den ich mir kürzlich bei HBO Max angesehen habe.

Und DAS, liebe Leserinnen und Leser, ist wirklich Horror, wie er sein soll: unheimlich und perfekt zum Unter-der-Decke-verstecken, ausgetüftelt, mit Plot-Twist, vielschichtigen Figuren und einer fantastischen Kameraführung. Während ich hier mit Gänsehaut und Anspannung verfolgt habe, wie erst 17 Schulkinder aus dem Nichts im Nirgendwo verschwinden, dann eine Hexenjagd auf die Lehrerin stattfindet und schließlich alles absurd, erschreckend und abgedreht wird, konnte ich nicht umhin, Zach Cregger für Drehbuch und Regie zu danken.

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Und eine letzte Empfehlung habe ich noch für alle, die sich jetzt immer noch denken, Horror ist immer gleich Schund: Schaut mal bei Mubi rein. Dort läuft ganz frisch Jane Schoenbruns queerer Horrorfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“. Der hatte seine Premiere nämlich nirgendwo Geringeres als auf den Filmfestspielen in Cannes, wurde dort von Kritiker*innen gefeiert und sogar mit der Queer Palm ausgezeichnet. Ich habe ihn auch auf meiner Watchlist – und bin nach dem Schreiben dieses Staffellaufs vermutlich sogar noch gehypter als zuvor. 

Vielleicht muss ich ihn mir also das nächste Mal durchlesen, wenn ich wieder im Bett liege, der Abspann längst ausgelaufen, das Blut getrocknet, die Leiche verscharrt und die Tür zum Geisterschloss verriegelt ist. Und mich daran erinnern, dass ich mich in dem Moment zwar dafür verfluchen, aber es doch nicht sein lassen kann.

Happy Streaming
Julia

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