Vor etwa zehn Tagen habe ich eine halbe Stunde lang einem Mann dabei zugesehen, wie er daran verzweifelt, Filmempfehlungen neu zu denken (zum Video). Der Youtuber Caya (Slidebean) wollte besser empfehlen als Netflix und hat sich dafür drei experimentelle Werkzeuge auf Basis von offenen Datenschnittstellen gebaut.

Das erste rechnet die Bewertungen von IMDb und Letterboxd zu Toplisten je Genre zusammen. Mit dem zweiten hangelt man sich über Gemeinsamkeiten wie Macher*innen und Entstehungszeit von Film zu Film. Beim dritten gilt es ein paar umstrittene Filme zu bewerten, um Kritiker*innen vorgeschlagen zu bekommen, die so ticken wie man selbst.

Natürlich habe ich alle drei ausprobiert. Und war: underwhelmed.

Die Bestenliste aus den Nutzerwertungen kenne ich seit Jahren wie meine Westentasche. Der Kritiker mit 60 Prozent Übereinstimmung schickte mich auf seine Veröffentlichungsseite, durch die ich mich selbst hätte durcharbeiten müssen, um zu sehen, was er mir noch so serviert. Am nettesten war noch die Kette der Verbindungen: heute dieser Film, morgen jener, weil sich einige zufällige Parameter überschneiden (oft sind es die Köpfe dahinter). Nur kam da weder etwas Neues noch etwas Überraschendes für mich heraus.

Vielleicht war auch einfach meine Kuratorenehre gekränkt. Solche Verknüpfungen stöbere ich im Nu selbst auf. Mein guter Geschmack braucht dafür keine Maschine.

Hier könnt ihr euch auch reinklicken und euer Glück versuchen, was für Tipps für euch herauskommen: movies.slidebean.com.

Das Ehrlichste am ganzen Video war jedenfalls Cayas Fazit, sinngemäß: Die Plattformen empfehlen gar nicht so schlecht. Schwer ist etwas anderes, nämlich den eigenen Geschmack überhaupt zu kennen. Mag ich.

Was mich nun nicht losgelassen hat: Wenn alle am Ende doch irgendwie empfehlen können, wem höre ich da eigentlich zu? Was macht das mit meinem guten Geschmack und wogegen gilt es, ihn zu verteidigen?

Die Zahl, die vor dem Film da ist

Die naheliegende Antwort: Man hört auf die Masse. Und gegen die verteidigt man sich ja eher selten. Frei nach dem Motto: „Tausende Bewertungen können doch nicht irren.“

Sagen wir, 4.532 Leute haben einen Film mit 4,1 von 5 Sternen bewertet. Kein schlechtes Signal, denke ich mir. Doch schon im nächsten Moment frage ich mich: Welchen Effekt hat eigentlich die vorgefertigte Bewertung selbst auf meinen ersten Eindruck?

Turns out, es gibt eine Studie dazu. 2003 haben Forscher*innen der University of Minnesota auf ihrer Filmplattform MovieLens etwas ziemlich Gemeines ausprobiert. Sie zeigten Nutzer*innen vor dem Bewerten eine Vorhersage an, wie ihnen ein Film gefallen würde. Mal stimmte sie, mal war sie frei erfunden. Ergebnis: Die Leute bewerteten in Richtung der angezeigten Zahl – egal, ob sie stimmte. Die Zahl wirkt also mindestens bis ins eigene Urteil hinein.

Der zweite Teil der Studie ist der tröstliche: Wenn ein System seine Vorhersagen manipuliert, merken die Leute das. Färben lassen wir uns, anlügen lassen wir uns nicht gern. Bleibt die Frage, wer mir die Zahl eigentlich zeigt. Und was das dahinterliegende System davon hat.

Die Maschine will, dass ihr bleibt

Empfehlungsalgorithmen heben die „Manipulation“ meines Geschmacks noch mal auf ein ganz neues Level.

Bei Netflix ist das Verhalten und die Absicht dahinter erstaunlich gut dokumentiert – und zwar vom Dienst selbst. Schon 2015 haben zwei Netflix-Manager in einem Fachaufsatz beschrieben, was ihr System leistet: Es beeinflusst die Auswahl bei rund 80 Prozent der gestreamten Stunden. Über die Jahre hat sich die Kündigungsrate um mehrere Prozentpunkte gesenkt. Wert fürs Geschäft: mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr.

Verwerflich finde ich das gar nicht. Es ist bloß ehrlich: Eine Netflix-Empfehlung ist dann erfolgreich, wenn ich noch ein Stündchen länger zuschaue.

Und es geht noch einen Schritt weiter. Netflix personalisiert auch die Vorschaubilder. Wer viele Romanzen schaut, sieht bei „Good Will Hunting“ Matt Damon und Minnie Driver als Paar, wer eher Komödien mag, bekommt Robin Williams. Netflix beschreibt das sinngemäß als visuellen Beleg dafür, warum ein Titel gut für Leute wie euch sein könnte.

Leute wie ihr, wohlgemerkt. Personalisiert wird für eure Schublade. Und wer lange genug aus derselben Schublade schaut, hält sie irgendwann für seinen Geschmack. Auch die Maschine liefert also eine Begründung, gegen die ich mich eigentlich verteidigen muss. Sie wird für jede*n von uns neu zusammengestellt, damit wir klicken und dranbleiben.

Eine Reihe namens „Weil du einen außerordentlich guten Geschmack hast“ habe ich dort jedenfalls noch nie gesehen. Schade eigentlich. Die würde ich sofort anklicken. (Womit wir beim nächsten Gegner wären, gegen den ich meinen Geschmack verteidigen müsste: mich selbst.)

Über Meinungsbesitz

Bleiben die Plattformen, auf denen wir alle gemeinsam bewerten. Die wirken neutral, weil dort scheinbar niemand etwas verkauft außer der eigenen Meinung. Und doch…

IMDb gehört Amazon (mit angeschlossenem Streamingdienst und Filmstudio). Und Letterboxd, wo inzwischen mehr als 30 Millionen Menschen ihre Filme loggen, sucht gerade einen Käufer. Die Holding, der seit 2023 die Mehrheit gehört, lässt über eine Investmentbank Interessenten sondieren. Erste Gespräche soll es unter anderem mit Netflix, Sony und Paramount gegeben haben, zuletzt war auch von A24 und der New York Times die Rede. Gehandelt werden um die 300 Millionen Dollar. 

Gut möglich also, dass die nächste Plattform bald einer Firma gehört, die selbst Filme macht, die dort bewertet werden oder irgendwas anderes mit der Aufmerksamkeit der Leute vorhat. Alles wie bei IMDb in grün.

Wenn die Zahl auf unser Urteil abfärbt und die Zahl einem Studio gehört, wem gehört dann mein Geschmack? Mir selbst natürlich. Dachte ich jedenfalls lange.

Meine Geschmacks-Challenge

Bevor es Shelfd gab, hatte ich meine eigene Letterboxd-Challenge laufen. 2011 oder 2012 muss das gewesen sein, im Studium, als ich die Zeit hatte und gerade anfing, Filmkritiken zu schreiben. Ich nahm mir vor, jeden Tag einen Film zu sehen. Zuerst täglich, später auch mal mit Lücken. Und dann wurden vier hintereinander weggestreamt. Am Ende zählte nur noch die Jahresbilanz, die ich sogar übertroffen habe.

Eine Weile hat das eine das andere wunderbar befruchtet – das Gucken und das Schreiben. Irgendwann fühlte sich das Abhaken aber nur noch wie eine Pflicht an. Und die Datensammlung, die übrig blieb, hat mir nichts erzählt, was ich nicht schon wusste: viel gesehen, extrem guter Geschmack. ;) Den Account habe ich später geschlossen.

Heute hätte so ein Jahr lang einen Algorithmus füttern können. Die Frage wäre nur immer noch, wofür eigentlich.

Grenzt Geschmack ab – oder verbindet er?

Über *meinen guten Geschmack* musste ich direkt schmunzeln. Denn er beschreibt ziemlich genau, wofür ich „Geschmack“ lange gehalten habe: für etwas, das mich unterscheidet. Die Bestenliste wie meine Westentasche kennen, die Verknüpfungen lieber selbst aufstöbern. Kuratorenehre eben.

Der Soziologe Pierre Bourdieu hätte dazu genickt. Für ihn ist Geschmack vor allem ein Mittel, sich von anderen abzugrenzen. Wer sagt, was ihm gefällt, sagt immer auch, wo er dazugehören will (und wo bitte nicht).

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sah das gut 200 Jahre früher ganz anders. In seinem Hauptwerk „Émile“ beschreibt er Geschmack als die Fähigkeit zu beurteilen, was den meisten Menschen gefällt oder missfällt. Eher ein Gespür für die anderen also.

Am Ende könnten beide recht behalten. Und genau da liegt für mich der Unterschied zwischen meinem Letterboxd-Jahr und dem, was wir heute bei Shelfd machen. Damals habe ich „Geschmack gesammelt“, um ihn mir selbst zu beweisen. Heute muss bei uns jeder Mediathekentipp eine Prüffrage bestehen, bevor er ins Magazin kommt: Würde ich den Film einem Freund oder einer Freundin mit einem Satz Begründung ans Herz legen? Und unter jeder Liste steht die Bitte, ein Fundstück genau an den Menschen weiterzuschicken, der euch beim Lesen eingefallen ist.

Geschmack grenzt ab, solange ich ihn für mich behalte. Verbinden tut er erst, wenn ich ihn jemandem schenke.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

💬 Teilt eure Perspektive:

Was ist euch wichtiger: dass ein Tipp beim anderen ankommt oder dass er etwas über euch sagt?

Wir veröffentlichen eine kleine Auswahl eurer Stimmen im nächsten Magazin. Schreibt uns einfach eine E-Mail mit euren Gedanken dazu an redaktion@shelfd.com.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Die Sache mit der Stimmung

Nur: Ein gutes Geschenk darf man auch ablehnen.

Für unsere Mediathekentipps habe ich vor ein paar Tagen mal festgehalten, wie wir eine Empfehlung vorstellen. Jeder Tipp soll dabei drei Fragen beantworten:

  • Was ist das?
  • Warum ist das gut?
  • Was macht das mit einem?

Und darin steht ein Satz, der mir beim Schreiben ganz selbstverständlich vorkam: „Eine Empfehlung, bei der man begründet abwinken kann, hat genauso Zeit gespart wie eine, die man einschaltet.“

Keine Lust auf das Historiendrama mit ruhigem Erzähltempo heißt dann: Treffer, weil es euch einen misslungenen Couchabend erspart.

Vor ein paar Monaten habe ich hier noch zugegeben, wie oft ich mir selbst „Dafür bin ich heute echt nicht in Stimmung“ sage. Zu Dokus über schwierige Themen, zu langen Serien, zu Filmen, bei denen ich schon beim Lesen der Beschreibung denke: das wird heute nichts mit uns.

Dafür bin ich heute echt nicht in Stimmung
Warum „schützen“ wir uns abends vor Inhalten, die uns guttäten – und wer entscheidet darüber eigentlich?

Ich habe das den Algorithmus genannt, den wir selbst im Kopf betreiben. Und gewarnt: Wer sich vorher schon dagegen entschieden hat, erfährt nie, was ihm entgangen wäre.

Und jetzt feiere ich genau diesen Moment als Erfolg (aus Sicht von Shelfd). Wie beides zusammenpasst?

Was mich damals über meinen Filter gehoben hat, war meine Frau. Sie hat „The Outstanding Artist“ angemacht, eine Kunst-Competition auf Youtube, die ich mir allein nie ausgesucht hätte. Schnell wurde sie zu unserem gemeinsamen Freitagsritual. Das konnte sie nur, weil sie mich kennt. Sie wusste, was mir guttut, als ich es selbst gerade nicht wusste.

Und mein Geschmack ist an diesen Abenden ein Stück größer geworden.

Eine Redaktion kennt euch nicht. Wir wissen nicht, ob ihr heute müde seid, euch herausfordern oder gerade eine Filmografie komplettieren wollt. Darum sollten wir euch euer Nein so leicht wie möglich machen. Wer euch kennt, darf es überstimmen.

Deal?

Wogegen ich meinen guten Geschmack also verteidigen muss:

Gegen Zahlen, die schon vor dem Film da sind. Gegen Schubladen, die sich als Geschmack ausgeben. Gegen Menschen, die mich kennen, lieber nicht. Die dürfen ihn größer machen.

Und gegen uns? Auch unsere Begründungen färben. Sie stehen aber für alle gleich da, und ihr dürft ihnen jederzeit widersprechen. Bezahlt werden sie von 115 Menschen, die Shelfd mittragen, damit jede Ausgabe für alle offen bleibt.

(Hier ist noch nicht Schluss – eine lustige Beobachtung folgt unten noch.)

Ein Studio ist nicht unter unseren Mitgliedern. Du vielleicht bald?

115 von 263 Plätzen sind besetzt. Ab dann trägt sich Shelfd selbst.

🎟️ Meinen Jahresbeitrag aussuchen

Zurück zum Anfang

Vergangene Woche landete eine Mail in meinem Postfach. Absender: Caya (der Youtuber vom Anfang des Textes). Ausgabe 1 seines neuen Newsletters, die genauso heißt wie seine Videoreihe: Untangled. Zwischen Gadgets und Blicken hinter die Kulissen seiner Videos gibt es dort auch die Rubrik „Movie of the Week“. In dieser Ausgabe empfahl er den spanischen Horrorfilm „Das Waisenhaus“. Dazu die Erinnerung, wie er ihn damals im Kino fast nur durch die Finger geschaut hat. Viereinhalb Sterne gibt es auch (ganz ohne Zahl geht es nicht).

Seine Werkzeuge hat er parallel dazu für alle zugänglich online gestellt. Den Wochentipp schreibt er jetzt trotzdem selbst, mit einer Einordnung und seinem Namen darunter. Ein Tipp, zu dem ich meinen guten Geschmack ins Verhältnis setzen und dankend ablehnen kann. Ein Gewinn!

Und er schreibt, dass jede Antwort in den ersten Ausgaben direkt bei ihm landet. Er bekommt diese hier, meinen Text, samt meinem guten Geschmack in Form der Shelfd Kollektion „Schrecken mit Tiefgang“ (die wir gerade auf wtchlst.com neu aufbauen, einer Plattform, mit der wir eine Zusammenarbeit testen). Darauf finden sich Filmtipps, in denen Horror als Vehikel für etwas Größeres dient.

Horror als Vehikel: 👻 Schrecken mit Tiefgang · Liste von Shelfd
27 Filme und 1 Serie auf wtchlst.

Ablehnen darf er die Empfehlungen natürlich, vielleicht ist aber auch was dabei, das ihn reizt. Das würde mich freuen.

In sein nächstes Videoessay schalte ich trotzdem wieder ein, da er mich über Umwege auf neue Gedanken gebracht hat. Mehr geht nicht.

Happy Streaming
David

Der Link wurde kopiert!