Wahrscheinlich ist der gute alte Fernseher ein Auslaufmodell, genau wie die Fernsehantenne, Kabelfernsehen oder die Satellitenschüssel. Obwohl riesige Flachbildschirme noch in sehr vielen Haushalten das Wohnzimmer um sich herum gruppieren, schauen zunehmend mehr Leute ihre Serien auf dem Laptop oder Tablet. Ist einfach flexibler, beim Kochen in der Küche, oder abends im Bett, wo jeder mit Bluetooth-Kopfhörern seinen Content gucken kann, ohne die Partner*in nebenan zu stören.
Bei uns hängt ein (relativ neuer) LED-Smart-TV im Wohnbereich, ganz klassisch, und ich möchte davon auch ungern abrücken. Aber zwischen Tablet, VR-Brille und deutlich abstrakteren Ideen, um die Streaming-Erlebnisse in das menschliche Gehirn zu kriegen, döst ein riesiger Markt vor sich hin, der mit KI wohl noch mal einen gehörigen Schub bekommen könnte.
Die Großeltern lieben ihre Schüssel
Die aktuelle Gemengelage stellt sich vorerst noch anders dar, als man meinen würde. Laut einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) vom Januar 2026 liegt die (rückläufige) Zahl der Nutzer*innen des Kabelfernsehens immer noch bei 36,2 Prozent (2025: 40 Prozent), während „17,7 Prozent der TV-Haushalte mit internetbasiertem Empfang“ Fernsehen und Serien gucken (2025: 11,3 Prozent).
Hauptquelle für den Fernsehkonsum bleibt die Satellitenschüssel mit 43,4 Prozent (2025: 45,2 Prozent), obwohl im Herbst 2025 schon in 70,3 Prozent der Haushalte ein „internetangebundenes Fernsehgerät festgestellt“ wurde. Ja, die Sprache der AGF ist ein bisschen eingerostet, und ich könnte mir keinesfalls vorstellen, mich in die Steinzeit des linearen Fernsehens über Schüssel oder DVB-T-Antenne zurück zu beamen.
Internet als zentraler Knotenpunkt
Das Internet, oder eine zukünftige Weiterentwicklung davon, wird sich als Hauptquelle für Bildunterhaltung langfristig durchsetzen. 1969 gilt als die Geburtsstunde des Netzes, als über das sogenannte Arpanet die erste erfolgreiche Nachricht zwischen zwei US-Universitäten versendet wurde. 1982 hat der Science-Fiction-Autor William Gibson in seiner Kurzgeschichte „Burning Chrome“ das erste Mal das Wort „Cyberspace“ verwendet.
In der Geschichte geht es um sogenannte Konsolen-Cowboys, also Hacker, die für Geld im digitalen Raum, dem Cyberspace, Daten klauen. Über eine neuronale Schnittstelle verbinden sie ihr Gehirn direkt mit einem Neuro-Deck, das Bewusstsein taucht in die digitale Datenmatrix ein, während der physische Körper in der realen Welt zurückbleibt. Das klingt auch mehr als 40 Jahre später noch ein bisschen wie Zukunftsmusik, wenn man sich den Gamer mit Kopfhörer und VR-Brille in seiner messy Zockerhöhle im Keller vorstellt.
Was schon real ist
Wie sich die Streaming-Industrie und das Nutzerverhalten aktuell und in naher Zukunft entwickeln, hat Jannis Schakarian sehr lesenswert und ausführlich für die Bundeszentrale für Politische Bildung ausgeführt:
Die Entwicklung des Streaming-Marktes zeigt Ähnlichkeiten zur Entwicklungsgeschichte des Fernsehens. Auf das Goldene Zeitalter folgt eine Effizienzsteigerung in den Produktionen, es geht nun darum, die Verweildauer der Zuschauenden zu steigern, um höhere Werbeerlöse zu erzielen. Dadurch bleibt der Streaming-Markt in Bewegung: Neue Allianzen, Plattformmodelle und Nutzungsweisen entstehen.
Abseits von 8K-Auflösung, Glasfaser, AR- und VR-Brillen ist auch die Situation der Anbieter ein relevanter Faktor. Die große Management- und Strategieberatungsfirma Deloitte hat im Jahr 2023 hier verschiedene Zukunftsszenarien für die TV- und Videobranche analysiert. Über die Ablösung der nationalen Rundfunkanstalten durch „globale digitale Plattformunternehmen“ wird dabei genauso spekuliert wie über eine erfolgreiche „digitale Transformation“ der Rundfunkanstalten oder eine völlig Aufsplittung des TV- und Videomarkts „zu einem vielfältigen Ökosystem […], in dem es keine dominanten Akteure gibt und die Marktteilnehmer ständig wechseln“.
Solange bei mir in der Gegend aber noch die roten und magentafarbenen Kabelenden vor den Hauseingängen der Nachbarn herumbaumeln und keiner genau weiß, wann denn nun endlich der Glasfaseranschluss fertiggestellt und betriebsbereit ist, freue ich mich einfach auf die Neuauflage von William Gibsons „Neuromancer“-Trilogie, die mit Callum Turner, Mark Strong und Peter Sarsgaard als Serie ab 22. Januar 2027 bei Apple TV startet. Ganz entspannt in 4K-Auflösung über unseren Kabel-Internetanschluss, der nach wie vor mehr als genug Bandbreite bietet.
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Happy Streaming
Klaas
