Vergangenes Jahr saß ich beim Film Festival Cologne in einem Film, aus dem nach und nach das halbe Kino verschwand. „Primitive Diversity“ von Alexander Kluge, ein experimenteller Essayfilm. Keine wirkliche Geschichte, kein roter Faden zum Festhalten, sondern ein freier Strom aus Bildern und Gedanken, vieles davon mit KI erzeugt. Ich muss ehrlich sein: Ich kam da nicht rein. Je länger ich versuchte, einen Zugang zu finden, desto mehr rauschten die Bilder an mir vorbei.
Um mich herum standen immer wieder Leute auf und gingen, nach und nach wurde es immer leerer im Kino. Und irgendwann, als nur noch eine Handvoll Menschen im Saal saß, dachte ich zum ersten Mal: Darf ich hier eigentlich auch raus?
Warum eigentlich durchhalten?
Denn eigentlich ist Abbrechen im Kino die schwierigste Variante überhaupt. Ich bin ja extra hingegangen, habe ein Ticket gekauft, mir den Abend freigeräumt. Ich sitze mittendrin in einer Reihe und müsste mich viel zu störend an fremden Knien vorbeiquetschen. Die soziale Blöße. Und trotzdem haben es an diesem Abend viele getan, während ich ganz gehorsam sitzen blieb.
Was hat mich gehalten? Zum Teil das „Man geht doch nicht einfach“ und auch der Respekt gegenüber dem Künstler oder der Künstlerin. Zum Teil die Hoffnung, dass es gleich noch klick macht. Aber ehrlicherweise war da noch was anderes: das Gefühl, dass Rausgehen ein Urteil wäre. Über den Film oder, schlimmer noch, über mich. Als würde ich damit zugeben, dass ich ihn nicht verstanden habe.
Ein Film-only Problem?
Bei Büchern fällt mir das nicht so schwer. Wenn ich nach fünfzig Seiten merke, dass ich nicht reinkomme, dann klappe ich das Buch zu. „Vielleicht lese ich ja noch mal rein“, lüge ich mich selbst an und lege es auf den endlosen Stapel der To-Read-Bücher.
Beim Film wiederum denke ich mir viel zu schnell: Ach, die anderthalb Stunden sitze ich jetzt auch noch ab. Oder: Gut, ich habe jetzt auch schon 40 Minuten investiert. Die Kosten zum Erledigen sind nicht so hoch wie beim Buch.
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Kein Eintrag, kein Dopamin
Und dann ist da noch Letterboxd. Die Filmbewertungsplattform, bei der man seine geschauten Filme eintragen kann. Demnach ist ein Film, den ich abbreche, ein Film, den ich nicht eintragen kann. Kein Eintrag, kein Belohnungseffekt. Als hätte ich die Zeit im Kino oder beim Streaming nie verbracht. Ein abgebrochener Film existiert in meinem kleinen (eigentlich total unwichtigen) Protokoll nicht. Und da muss ich mich schon fragen: Schaue ich den Film eigentlich noch, oder sammle ich ihn?
Manchmal lohnt es sich ja doch
Jetzt könnte man natürlich sagen: immer sofort ausmachen, sobald es hakt. Aber so einfach ist es eben auch nicht. Manche Filme zünden spät. Manche brauchen vierzig Minuten, bis sie einen packen. Und gerade bei sperrigen, experimentellen Sachen gehört das Durchbeißen vielleicht sogar dazu.
Wo also die Grenze liegt zwischen „Gib ihm noch eine Chance“ und „Das ist einfach nicht meins“, kann ich nicht beantworten. Aber ein abgebrochener Film ist kein Versagen – weder meins noch seins. Er heißt nur: heute nicht. Und dann ist es auch okay, mal aufzustehen. Am Ende sollte Filmeschauen doch einfach Spaß machen. Aber ob ich das wirklich mal schaffe? Ihr werdet es erfahren.
Happy Streaming
Leya
