In der vergangenen Ausgabe hat David ausführlich darüber geschrieben, was Shelfd gerade ist, was es sein kann und wie eure Unterstützung dabei ins Spiel kommt. Auch ich liebe es, wenn wir Shelfd als Projekt nicht im luftleeren oder zumindest redaktionsinternen Raum gestalten, sondern dabei auch immer wieder auf euer Feedback eingehen können.

Und genau so ein Feedback ist es, worum es mir diese Woche gehen soll. David zitierte vergangene Woche ein paar Gedanken von Christoph Räthke, den ihr vielleicht durch den bei uns regelmäßig gefeaturten „Die Zeitgenossen“-Podcast kennt, den er zusammen mit Stefanie Palomino macht:

„Das Problem, das ich als Zuschauer habe, ist das Überangebot, das ich nicht mit frustrierendem Trial and Error lösen will. […] Bei diesen konkreten Fragen helfen mir Feuilletonbeiträge darüber, wie eine Redakteurin sich beim Gucken einer bestimmten Serie fühlt, nicht so sehr.“

Einspruch, Euer Ehren!

Ich möchte dem vehement widersprechen. Selbstverständlich nicht, um Christoph hiermit auf den textlichen Scheiterhaufen zu stellen. Ich kann diese Perspektive nämlich selbst gut verstehen und gestehe sie allen von euch selbstredend zu. Aber ich möchte hier die Gelegenheit dennoch nutzen und aufzeigen, warum „Feuilletonbeiträge darüber, wie eine Redakteurin sich beim Gucken einer bestimmten Serie fühlt“ ebenfalls eine wichtige Hilfe angesichts des Streaming-Überangebots sein können.

Mein Anspruch ist es stets, nicht einfach nur die Filme und Serien mit den besten IMDb-Bewertungen oder irgendwelchen tollen Metascores aufzutischen – und zwar aus zwei Gründen. Der offensichtliche ist, dass ihr auch einfach selbst irgendwelche Listen auf Letterboxd und Co. nach Bewertung sortieren könnt. Dafür braucht es keine Shelfd Redaktion.

Objektivität ist eine Illusion

Der streitbare ist, dass ich verneine, dass sich Kunst nach objektiven Kriterien bewerten lässt. Dafür möchte ich euch eine Anekdote erzählen: Es begab sich also zu einer Zeit (2023), als das renommierte britische Filmkunstmagazin „Sight and Sound“ eine neue Liste mit den besten Filmen „aller Zeiten“ veröffentlichte. Das machen die Kolleg:innen einmal pro Jahrzehnt und setzen dabei auf Umfragen unter den verschiedensten Filmgewerken. Der damals überraschende Platz 1: Chantal Akermans Meisterwerk „Jeanne Dielman“ (1975).

Bei wem das unter anderem gar nicht gut ankam, war „Taxi Driver“-Drehbuchautor und „The Card Counter“-Regisseur Paul Schrader. Dessen Einlassungen auf seiner Facebook-Seite sorgen immer wieder für – wohlwollend formuliert – heftigstes Stirnrunzeln. Jüngst etwa berichtete er davon, wie seine KI-Freundin mit ihm Schluss gemacht hat. Oder dass es einfach keine Schwarzen Schauspieler:innen geben würde, die Rollen in seinem nächsten Film übernehmen wollen, und er deshalb jetzt einfach alles mit KI generieren würde. Eben dieser Verstand ist es, der 2023 kein gutes Wort über die „Sight and Sound“-Liste verlieren konnte. Die veränderte Wähler*innenschaft habe für eine politisch korrekte Neugewichtung gesorgt, die nichts mit historischen Kontinuitäten zu tun hätte. Er forderte „Sight and Sound“ auf, künftig wieder „objektive Qualität“ vor – im Sinne eines wie auch immer gearteten Zeitgeistes – Zugänglichkeit zu stellen.

Doch was genau sollen diese objektiven Kriterien eigentlich sein? Schrader kann darauf bis heute keine stichhaltige Antwort liefern. Das liegt daran, dass es – jedenfalls aus meiner Sicht – eben kein einziges objektives Kriterium gibt, nach dem sich Kunst bewerten lässt. Es ist völlig unerheblich, ob eine Geschichte nun einer bestimmten Drehbuchstruktur folgt oder ob es eine klare Figurenentwicklung gibt. Sogar, ob die Schärfe überhaupt „richtig“ gezogen ist, ist für die Qualität eines Films gänzlich unerheblich.

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💬 Teilt eure Perspektive:

Hat sich verändert, worauf ihr bei Empfehlungen achtet, etwa früher Sterne und heute Stimmen? Oder umgekehrt?

Wir veröffentlichen eine kleine Auswahl eurer Stimmen im nächsten Magazin. Schreibt uns einfach eine E-Mail mit euren Gedanken dazu an redaktion@shelfd.com.

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Once More, with Feeling

Was zählt, ist am Ende nur das Gefühl. Das Gefühl steht im Zentrum einer jeden Filmkritik und Serienbesprechung. Kunstkritik ist ein fluides Genre. Doch was sie niemals sein sollte, ist wie ein Autoquartett. Kritik ist im allerersten Schritt immer ein Reflektieren der eigenen Affekte und im zweiten Schritt eine Analyse, wodurch sie zustande gekommen sind.

Das reine Benennen eines Gefühls ist ein Geschmacks- und noch kein Qualitätsurteil. Erst die Begründung des Gefühls durch einzelne Elemente des Kunstwerks samt einer argumentativ entsprechenden Herbeiführung legitimieren ein Urteil.

Dazu gehört natürlich auch, in gesundem Maße als Autor*in eines Textes – Althea und Leya tun das etwa bei unserem Liebling regelmäßig und auch ganz großartig – die eigene Position offenzulegen und klarzumachen, von welchem Startblock aus man losrennt und durch welche Linse man draufschaut. Denn auch das hat natürlich Einfluss auf Gewichtung und Interpretation des Urteils durch euch.

Deshalb gibt es bei uns den Liebling als längeres Format, in dem Leya und Althea gerne auch sehr persönlich werden können. Wer es hingegeben knackiger (damit aber nicht automatisch flacher in der Auseinandersetzung) braucht, wird immer bei unseren Mediathekentipps fündig.

Handverlesene Mediathekentipps für’s Wochenende
Jede Woche sichten wir hunderte Filme, Serien und Dokus und legen euch eine Handvoll ans Herz – mit kurzer Einordnung, Verfügbarkeit, Trailer, FSK. Viele davon sind preisgekrönt, alle mit Liebe gemacht und sehenswert. Perfekt für Streamer*innen, die nicht alles sehen wollen – sondern das Richtige.

Happy Streaming,
André

P.S.: Lieber Christoph, ich weiß, dein Feedback galt explizit Shelfd und sollte vermutlich keine allgemeine Aussage zu Schreiben und Sprechen über Kunst sein. Aber da es in dieser Form seinen Weg in Davids Staffellauf gefunden hat, habe ich einfach von dort aus weitergedacht. Ich hoffe, wir können trotz allem eine metaphorische Friedenspfeife rauchen. ✌️😉

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