Stanley Kubrick ist einer dieser Regisseure, deren Werk ich mir nach und nach erschließe, und mit jedem Film werde ich mehr zum Fan. Seine Filme haben einen ganz besonderen Sog, und es fällt mir schwer, ihre Wirkung und die Bedeutung, die ich ihnen zumesse, in Worte zu fassen. Heute will ich es aber trotzdem probieren und über seinen letzten Film „Eyes Wide Shut“ (1999) schreiben.
Der New Yorker Arzt Bill Harford (Tom Cruise) führt mit seiner Frau Alice (Nicole Kidman) eine scheinbar perfekte Ehe. Doch als Alice ihm eine sexuelle Fantasie gesteht, gerät etwas in ihm ins Wanken. Noch in derselben Nacht stürzt sich Bill in eine Odyssee durch die Stadt, die ihn schließlich zu einer maskierten Gesellschaft und ihren Geheimnissen führt.
Regie führte Stanley Kubrick, der das Drehbuch gemeinsam mit Frederic Raphael nach Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ schrieb. Es war sein letzter Film, sechs Tage nach der Präsentation der ersten Fassung starb Kubrick. Sein Tod verleiht dem Werk, das ihm angeblich mehr bedeutete als jedes andere, eine besondere Aura.
Es geht um Klasse und Privilegien, aber besonders um Begehren. Darüber, wie schwer Begehren zu fassen ist. Immer steht etwas im Weg, und manchmal weiß man vor lauter Hindernissen gar nicht, was man eigentlich will. Der Titel bringt das schön auf den Punkt: Sehen und Nichtsehen fallen in eins.
Kubrick erschafft mit „Eyes Wide Shut“ eine Traumwelt. Der Film nutzt die Fähigkeit des Kinos, Wahrheit und Illusion gleichzeitig zu zeigen. Er verstrickt die „wahren“ Geschehnisse mit Traumsequenzen, sodass sich auch die Struktur des Films anfühlt, als würde man sich an einen Traum erinnern wollen, von dem man sich nicht ganz sicher ist, ob er wirklich passiert ist. Genau in dieser Schwebe liegt die Wirkung des Films.
Der Kameramann Larry Smith, der zuvor Oberbeleuchter bei Kubricks „Barry Lyndon“ (1975) und „Shining“ (1980) war, schafft einen unverwechselbaren Look mit warmen Weihnachtslichtern, die eine trügerische Gemütlichkeit erzeugen, dazu wechselwirkende satte Rottöne und eisige Blautöne. Und auch der minimalistische, unheimliche, schon fast sakrale Score von Jocelyn Pook zieht einen tiefer und tiefer in Bills träumerische Nacht.
Ihr könnt „Eyes Wide Shut“ aktuell bei HBO Max streamen. Überprüft die dauerhafte Verfügbarkeit via werstreamt.es.
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