Die 90er sind für mich vor allem das Jahrzehnt, das die besten Rom-Coms produziert hat – und aus irgendeinem Grund auch das Jahrzehnt der Klassikeradaptionen für Teenager. Manche Verfilmungen hielten die Anspielung aufs Original eher verborgen, wie „Clueless“ (1995) mit der Jane-Austen-Romanvorlage „Emma“ (1815), die Shakespeare-Adaption „10 Dinge, die ich an Dir hasse“ (1999), oder „Eine wie keine“ (1999) mit dem „Pygmalion“-Klassiker als Vorlage. Ihr seht: Die Liste ist lang. Doch die wohl bekannteste – und meiner Meinung nach schönste – Adaption in diesem Zusammenhang ist die, die ihren Ursprung demonstrativ im Titel trägt…
Heute also ein Liebling der Woche, der streng genommen keiner ist, weil er mich schon viel länger begleitet: „Romeo + Julia“ (1996) von Baz Luhrmann.
Der Plot ist wohl bekannt, es handelt sich schließlich um die berühmteste Liebesgeschichte der Welt: Zwei junge Menschen, Romeo und Julia, verlieben sich unsterblich ineinander – obwohl ihre Familien, die Montagues und Capulets, seit Generationen verfeindet sind. Die beiden Verliebten, die „star-crossed lovers“, versuchen ihrer verbotenen Liebe nachzugehen, doch vergeblich. Es ist, hoffe ich, kein Spoiler: Diese Geschichte endet in einer riesigen Tragödie.
Luhrmann verlegt diese Geschichte in ein fiebriges, neonleuchtendes, fast schon hysterisches, und – zumindest für die 90er – modernes Setting: Verona Beach statt Verona, Pistolen statt Degen (natürlich mit der Aufschrift „Sword“), Hawaiihemden, schnelle Schnitte, religiöse Ikonographie, Popmusik. Der Film fühlt sich an wie ein einziger Adrenalinschub, ein bisschen wie das Verliebtsein selbst: intensiv, verwirrend und komplett maßlos.
Der größte Kniff des Films und auch damals die größte Kontroverse: Der Text bleibt. William Shakespeares Originaldialoge, unverändert, in all ihrer poetischen, manchmal unverständlich sperrigen Schönheit. Man könnte meinen, das erzeugt Distanz, aber es passiert eigentlich das Gegenteil. Gerade weil die Sprache so alt ist, wirkt sie plötzlich in diesem Setting wie neu. Wenn Leonardo DiCaprio und Claire Danes – kaum 21 und gerade mal 17 – sich ansehen und Sätze zueinander sprechen, die Jahrhunderte alt sind, passiert etwas Seltsames wie Wunderschönes: Man glaubt ihnen jedes Wort. Und um sie herum ein Ensemble, das genauso maßlos, schrill und überdreht spielt, wie der Film es verlangt.
Als ich „Romeo + Julia“ nach längerer Zeit wieder geschaut habe, hat mich sehr überrascht, wie jung diese Liebe ist. Wie schnell alles geht, wie wenig Zeit bleibt. Und wie sehr der Film darauf besteht, dass genau das zählt. Gefühle werden nicht heruntergedimmt, sondern maximal aufgedreht. Liebe ist nicht vorsichtig oder vernünftig, sondern absolut und unverhandelbar. Genau darin liegt etwas, das heute immer mehr verloren geht: diese kompromisslose Ernsthaftigkeit gegenüber Emotionen. Es ist ein lauter, chaotischer, manchmal anstrengender Film, der gleichzeitig wahnsinnig zärtlich und aufrichtig ist. Ein Film, der sich nicht dafür schämt, dass Liebe hier alles bedeutet. Vielleicht fühlt er sich deshalb heute noch so lebendig an.
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