Vor zwei Wochen hat Leya sich und damit auch uns an dieser Stelle eine unbequeme Frage gestellt: „Gucke ich eigentlich genug Filme von Regisseurinnen?“ Diese Frage treibt auch mich immer wieder, seit Leyas Staffellauf aber wieder besonders vordergründig um.

Also habe ich mich auf Spurensuche begeben: Woran liegt es, dass meine All-Time-Statistik auf Letterboxd, gespeist aus mittlerweile elf Jahren lückenlos geführtem Filmtagebuch, bis heute so aussieht, obwohl mein innerer Antrieb eigentlich seit Langem ist, das zu überwinden?

Erst einmal wichtig ist es mir, eine Sache aus dem Weg zu räumen: Für derartige Zahlen muss weder ich noch solltet ihr euch schlecht fühlen, wenn ihr euch darin wiederfindet.

In diesem Staffellauf möchte ich ergründen, warum ich mit dieser Statistik nicht allein bin, warum kein Algorithmus derzeit etwas daran ändern kann und wie ihr dennoch leicht für noch mehr Perspektivenvielfalt in eurem Streaming sorgen könnt.

Perspektivenvielfalt ist auch eine ökonomische Frage

Also blicken wir zurück darauf, wie es dazu kam, dass ich mir eine überwiegend männliche und weiße Statistik zusammengeschaut habe: Ich muss etwa 16 Jahre alt gewesen sein, als ich gemerkt habe, dass mein Interesse für Film deutlich über das meiner damaligen Freund*innen hinausgeht. Doch der Einstieg in die Cinephilie hatte damals noch mehr als heute klare Schlagseite: Tarantino, Kubrick, Coppola, Scorsese – die muss man gesehen haben. Das nächste Level: Bergman, Godard, Fassbinder – das atmet einfach die bis dato recht unbekannte arthousige Luft.

All diese Namen haben zwei Dinge gemeinsam: Sie gehören Männern und sind tief im filmischen Kanon verankert – von „Reservoir Dogs“, „2001: Odyssee im Weltraum“, „Der Pate“ und „GoodFellas“ bis zu „Persona“, „Außer Atem“ und „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Dort befinden sich diese Werke nicht nur, weil ihnen das Label „Meisterwerk“ aufgeklebt wurde, sondern weil die Filmkritik ein ähnliches Problem hat: weiß, männlich und (vor allem heute) eine maximal prekäre Branche.

Die jüngste Umfrage des Verbandes der deutschen Filmkritik unter seinen Mitgliedern hat erschreckende Zahlen zutage gefördert:

„Das durchschnittliche Jahreseinkommen durch filmkritische Arbeit liegt bei nur 16.000 Euro brutto – nur noch wenige der befragten Personen können dem Beruf in Vollzeit nachgehen. Das gilt insbesondere für Freischaffende, die den filmkritischen Diskurs maßgeblich prägen.“

Filmkritik muss man sich also leisten können. Wer das statistisch betrachtet nicht so oft kann: marginalisierte Gruppen, die etwa aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität strukturell diskriminiert und ökonomisch benachteiligt werden.

Bildungsschieflage

Doch nicht nur im medialen Diskurs herrscht seit jeher eine ordentliche Schieflage. Bereits in der Schulbildung fallen zahlreiche wichtige Perspektiven aus dem Fokus. Einer der Gründe dafür ist der 2003 von der Bundeszentrale für politische Bildung zusammengestellte Kanon mit 35 Filmen, von denen ausnahmslos alle von Männern stammen.

Kritik daran gibt es schon länger – etwa von der deutschen Filmemacherin Julia von Heinz („Und morgen die ganze Welt“). 2021 erklärte sie gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: „Ich denke, dass sich die Diversität des weltweiten Filmschaffens in dieser Liste nicht mehr wiederfindet.“ Es fange damit an, dass junge Frauen und Schülerinnen weibliche Vorbilder entdecken können nach dem Motto „Es gibt starke Regisseurinnen, hier sind ihre Filme“. Und weiter: „Dann kann ich mir auch besser mich selber in dieser Rolle vorstellen.“

Die algorithmische Männlichkeitsspirale

Nehmen wir also einmal diese zwei von mir hervorgehobenen Problemstellungen und lassen sie auf einen der Algorithmen von Netflix, Prime Video und Co. fallen. Die sind natürlich nicht öffentlich, nach welchen Kriterien und welche Inhalte vorgeschlagen werden, ist also reine Spekulation. Was jedoch recht offensichtlich einer der zentralen Hebel sein muss: „Die gefällt Tarantino? Dann bekommst du mehr Tarantino. Und danach mehr vom Filmbrokanon.“

Perspektivische Vielfalt scheint also nichts, was auf absehbare Zeit algorithmisch hergestellt werden kann oder überhaupt werden soll. Denn wenn die Streaminganbieter eins vermeiden wollen, dann ist es Reibung mit den Inhalten – aber die findet (im allerbesten Sinne) unweigerlich statt, wenn man einmal über den eigenen Tellerrand hinausblickt. Es ist ein Feature, kein Bug.

Es lohnt sich also, auf die Macher*innen eines Films oder einer Serie zu schauen und sich bewusster für eine bestimmte Perspektive zu entscheiden. Und es lohnt sich, (freie) Film- und Serienkritik ins eigene Medienmenü aufzunehmen und zu unterstützen.

Meine Empfehlungen für den Einstieg:

Zum Schauen: Arte hat die Kollektion „Frauen in allen Facetten“ im Angebot, mit Antworten auf Fragen wie „Was heißt es, als Frau in einem Land zu leben, das Frauen als Ware betrachtet? Wie lebt man mit der Angst vor einem gewalttätigen Ex-Partner? Wie schafft man es, allein für ein Kind zu sorgen?“ gesucht werden.

Frauen in allen Facetten - Kino | ARTE
ARTE zeigt eine Reihe von Spielfilmen und Kurzspielfilmen, die sich mit dem Alltag von Frauen auseinandersetzen: Was heißt es, als Frau in einem Land zu leben, das Frauen als Ware betrachtet? Wie lebt man mit der Angst vor einem gewalttätigen Ex-Partner? Wie schafft man es, allein für ein Kind zu sorgen? Diesen und anderen Fragen gehen die Filme nach.

Zum Hören: Freya Herrmann und Vera Klocke nehmen in ihrem Podcast „Fashion the Gaze“ stets eine inszenierungskritische Perspektive auf popkulturelle Phänomene ein – darunter auch immer wieder auf Filme und Serien wie in der jüngsten Episode „THE DEVIL WEARS ZARA: Zwischen KI-Dystopie und Lean-In-Feminismus“. „Wir fragen uns, wie der erste Teil ‚The Devil Wears Prada‘ von 2006 gealtert ist, analysieren die Kostümentscheidungen sowie die Inszenierungen von Arbeit, Selbstverwirklichung und Feminismus im neuen Film“, so die beiden.

THE DEVIL WEARS ZARA: Zwischen KI-Dystopie und Lean-In-Feminismus - FASHION THE GAZE
In dieser Folge sprechen wir – noch ganz aufgewühlt von der Pressevorführung – über den Film „The Devil wears Prada 2“, der am 30.4. in die Kinos gekommen ist. Wir fragen uns, wie der erste Teil „The Devil wars Prada“ von 2006 gealtert ist, analys…

Zum Lesen: Das feministische Filmmagazin Filmlöwin leistet unermüdliche filmkritische Arbeit und blickt dabei etwa immer wieder auf aktuelle Veröffentlichungen und Festivalprogramme. „FILMLÖWIN ist ein Blog, das sich Filmen von und über FLINTA verschrieben hat. Noch immer sind viele Filmemacher*innen, Kamerapersonen und auch Schauspieler*innen von Sexismus und Diskriminierung betroffen. Um dieser Marginalisierung etwas entgegen zu setzen, wollen wir den ‚FilmFLINTA‘ mit dem Projekt ‚Filmlöwin‘ zu mehr Öffentlichkeit und Sichtbarkeit verhelfen.“

FILMLÖWIN
Das feministische Filmmagazin

Auch gut: Die Letterboxd-Top-250 von Frauen inszenierter Filme, Mubis Kollektionen mit Regisseurinnen und queerem Kino, „Ned Wuascht“ von Bianca Jasmina Rauch und Barbara Wolfram.

Happy Streaming,
André

Der Link wurde kopiert!