Dass ich mittlerweile extrem mit den Playern auf dem Streamingmarkt fremdele, ist vor euch natürlich längst kein Geheimnis mehr. So habe ich mich etwa im Februar über den Bedeutungsverlust des einstigen Qualitätssiegels „Streaming-Orignal“ aufgeregt und im März einen Blick auf die sogenannte Enshittification, die viele Dienste für mich immer unbenutzbarer macht, geworfen.

Jetzt habe ich mich für die nächsten Schritte entschieden. Immer, wenn ich anderen davon erzähle, nenne ich das einfach nur „Abo-Askese“. Damit will ich jedoch weniger Tugenden, Fertigkeiten und Selbstkontrolle erlangen oder meinen Charakter festigen wie im antiken Griechenland. Ich will einfach niemandem mehr freiwillig mein Geld in den Hut werfen, über dessen Produkt ich mich mehr ärgere, als es mir noch Freude bringen könnte.

Kahlschlag auf dem Homescreen

Deshalb bisher nach Abokündigung vom Homescreen meines Apple TV geflogen sind: Netflix, Disney+, Paramount+, Apple TV selbst und jüngst auch Prime Video. Die Gründe unterscheiden sich von Dienst zu Dienst. Unterm Strich lässt sich jedoch alles herunterbrechen auf: Ich habe nicht den Eindruck, dass mir trotz regelmäßig steigender Preise ein besseres Produkt geboten wird – eher im Gegenteil.

Aber wie lebt es sich jetzt als Streaming-Asket? Bisher recht gut. Mein Mubi-Abo habe ich mir erhalten, weil dort eben genau die Art Film mit (gefühlt) viel Liebe kuratiert wird, die meinen Geschmack trifft. Kein Abodienst und streng genommen (zum Glück!) auch nicht kündbar ist der Rundfunkbeitrag. Artes Auswahl an internationalem Autor:innenfilm begeistert mich immer wieder, weil ich eben nicht den Eindruck habe, dass hier ausschließlich nach Quote, sondern eben vorrangig nach Qualität programmiert wird. Beim ZDF und in der ARD-Mediathek schaue ich auch so viel es geht, aber leider gibt es die Filme nur selten mit Originalton, was für mich wieder ein Ausschlusskriterium ist.

Außerdem habe ich noch über meine Bibliotheksmitgliedschaft Zugriff auf Filmfriend. Dort wird mit bescheidenen Mitteln ein wirklich tolles und immer wieder auch anlassbezogenes Programm kuratiert. (Und es ist so, so, so wichtig für die kulturelle Teilhabe aller Menschen, dass Bibliotheken weiterhin gut arbeiten können. Wer sich die vergleichsweise schmalen Beiträge leisten kann, sollte wirklich alleine aus Prinzip darüber nachdenken.)

Arte ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln

Nach ein paar Wochen mit diesem reduzierten Aboprogramm kann ich schon mal sagen: Bisher fehlt mir gar nichts. Denn mir ist klar geworden, dass ich die Bezahldienste meistens nur noch dann angesteuert habe, wenn mir mal nach [generischer Hollywoodfilm hier einfügen] war. Doch dafür muss ich doch kein Geld ausgeben. Da gibt es genügend Dienste, die kostenlos mit Werbung ein ganz gutes Programm fahren, wenn man nur tief genug gräbt. (Das versuchen wir auch immer wieder in unseren Mediathekentipps.)

Lange habe ich mir außerdem eingeredet, dass ich beruflich auf diese Vielzahl von Streamingabos angewiesen bin. Aber das war schlichtweg Augenwischerei. Die Momente, in denen ich – sagen wir in den vergangenen zwölf Monaten – ein für mich wirklich interessantes Original oder einen spannenden Exklusivtitel verpasst hätte, kann ich an einer Hand abzählen. Sehr stark vereinfacht: Die wenigsten Stoffe müssen aus kreativer Sicht auf Teufel komm raus als Serie erzählt werden, und eine Handvoll zusammengeschobener reichweitenstarker Namen schafft noch lange kein ausgewogenes Filmerlebnis. Natürlich müssen auch diese Stoffe kritisch besprochen werden – aber ob sich nun eine Stimme mehr oder weniger zum nächsten sogenannten Serienphänomen von Netflix äußert, macht den Braten jetzt auch nicht fett. Da muss ich meine journalistische Stimme auch nicht unnötig überhöhen.

Ich gehörte selbst einmal zu denen, die jede von den Streamern durchs Dorf getriebene Original-Sau unbedingt erwischen wollte – mitreden können müsse ich, das werde doch von einem Kulturjournalisten wie mir erwartet.

Alles Quatsch.

Immer nur Inhalte konsumieren und besprechen zu müssen, für die ich nicht sonderlich viele gute Worte übrig habe, macht etwas mit mir. Ich werde dadurch zum nörgelnden Kulturpessimisten, der anderen immer nur erklärt, warum etwas nicht so gut wie vielleicht wahrgenommen ist.

Dabei gibt es so viele tolle Filme und auch Serien zu entdecken. Und ich musste mir eingestehen, dass auch ich die in den vergangenen Monaten und wahrscheinlich auch Jahren zu sehr aus den Augen verloren habe. Deshalb jetzt: Blicke schärfen, Ablenkungen abwürgen und à la reduce to the max ab in die Abo-Askese!

Vielleicht will ich also doch ein bisschen Selbstkontrolle erlangen und meinen Charakter festigen. Wie im antiken Griechenland eben.

Happy Streaming,
André

Der Link wurde kopiert!