Im Staffellauf habe ich mich Ende April selbst als „Filmbro“ enttarnt. Die Erkenntnis, dass sich unter meinen 5-Sterne-Lieblingsfilmen bei der Bewertungsplattform Letterboxd fast nur Filme aus männlicher Regie befanden, warf noch eine weitere Frage auf: Worauf basiert mein Geschmack eigentlich? Wann klicke ich die vollen fünf Sterne an und sage: Das ist ein guter Film?

Disclaimer

Bevor wir uns dieser Frage nähern, müssen wir über den Gehalt dieser Bewertungen sprechen. Die Sterne, die ich bei Letterboxd vergebe, sind natürlich keine objektive oder gar konsistente Bewertung. Wenn ich jetzt sehe, wie ich manche Filme vor zwei Jahren bewertet habe, frage ich mich auch, was damals los war. Beispielsweise habe ich gerade entdeckt, dass ich Jordan Peeles Mystery-Horror-Thriller „Get Out“ (2017) nur drei von fünf Sternen gegeben habe, was ich heute als etwas unfair erachte.

Außerdem bin ich beeinflussbar. Mit wem schaue ich den Film und wie empfindet ihn diese Person? Wie sehen das die anderen Letterboxd-User*innen? Traue ich mich überhaupt, das Gesehene schlecht zu finden, wenn das Kollektiv begeistert ist? All das spielt natürlich mehr oder weniger in meine Bewertung rein.

Und dann ist da noch die Tagesform. Vor Kurzem habe ich das oscarprämierte Drama „Hamnet“ (2025) geschaut. Ich war an dem Abend komplett offen, mich auf die schwere Traurigkeit des Films einzulassen, und fand ihn schließlich gut. An einem anderen Tag hätte ich ihn vielleicht anders bewertet und als viel zu dick aufgetragen empfunden. (M)eine Filmbewertung ist also kein rechtskräftiges Urteil.

Wie gut ist gut?

Wenn ich einen Film oder eine Serie schaue, scanne ich direkt das filmische Handwerk. Ich suche nach Welten, denen ich glauben kann. Ich frage mich, wie nachvollziehbar die Handlung ist. Wie gut werden die Fäden, die zu Beginn der Geschichte aufgenommen werden, zu Ende geflochten? Sind die Figuren so observiert, dass ich mich in ihnen wiederfinde oder zumindest eine Projektionsfläche für mein Leben entsteht?

Wichtig dafür sind natürlich die Dialoge und wie sie die Darstellenden rüberbringen. Ich persönlich bevorzuge Schauspiel, das gar nicht so groß und laut ist, sondern durch seine Feinheit einen Sog erzeugt. Im Film „Sentimental Value“ (2025), über den ich bereits in einem Liebling schrieb, schaffen die Schauspieler*innen genau das. (Wer mehr darüber wissen will, sollte unbedingt dieses Videoessay von Thomas Flight anschauen!)

Und dann ist da natürlich noch die Aufmachung: Kamera, Musik, Set, Kostüme et cetera. Bei „Marty Supreme“ (2025) macht für mich beispielsweise die Musik locker 30 Prozent der Gesamtmiete aus und erzeugt eine ansteckende und treibende Dynamik (Soundtrack, Score). Viele Songs landeten direkt in meiner Heavy-Rotation-Playlist. Die Welt des Films wurde für mich nicht nur visuell, sondern auch akustisch greifbar.

Aber: Es gibt auch sehr gute Filme, die sich der Regeln des „guten Handwerks“ bewusst sind, sich jedoch gezielt dagegen entscheiden. Etwa David Lynchs „Mulholland Drive“ (2001), der mir auf Anhieb keine nachvollziehbare Geschichte liefert. Oder auch „Mein Essen mit André“ (1981), der keine klassische Handlung hat. Und genau dieses bewusste Brechen der Regeln erfordert so viel filmisches Können, dass es wieder gut ist.

Ein Herz für schlechte Filme

Und es wird noch komplizierter: Mir gefallen auch Filme, die diese Punkte nicht wirklich erfüllen. Als Teenie habe ich beispielsweise „Die Wilden Hühner“ (2006) und die Serie „Dance Academy“ (2010–2013) „gesuchtet“ und finde sie auch heute noch wirklich gut. Und auch wenn diese Produktionen etwa bei IMDb nicht so gut bewertet sind, waren sie genau das, was sie sein wollten. „Dance Academy“ hat damals Themen wie Bodydysmorphie, Liebeskummer, sexuelle Orientierung, Neid und sogar Tod behandelt, was meinem Teenager-Ich unglaublich viel bedeutet hat. Und auch „Die Wilden Hühner“ haben Werte wie Freundschaft und Zusammenhalt und Erwachsenwerden perfekt eingefangen und mir damit viel gelehrt.

Für mich bemisst sich also ein guter Film am Ende nicht nur an einer Liste von Kriterien, sondern auch an der Intention des Films und meiner persönlichen Resonanz. Hält der Film ein, was er sich vornimmt? Und findet das bei mir Anklang? Tauche ich in die Welt, die geschaffen wurde, ein und löst es etwas in mir aus?

Also

Sterne bei Letterboxd zu vergeben, ist am Ende eben kein Versuch, eine Weltbestenliste aufzustellen. Es ist viel mehr ein kleines, öffentliches Tagebuch. Und die fünf Sterne stehen für die Momente, in denen ein Film und ich zur perfekten Zeit am perfekten Ort aufeinandergetroffen sind – Achtung, doofer Witz – wenn die Sterne also richtig standen. Wie es bei mir und „Hamnet“, „Marty Supreme“ oder eben auch „Die Wilden Hühner“ der Fall war.

Wie ist das bei euch? Nach welchen Kriterien bewertet ihr Filme? Und gibt es Filme aus eurer Kindheit, die ihr heute noch mit fünf Sternen verteidigen würdet? Lasst uns dazu in unserer Community austauschen!

Happy Streaming,
Leya

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