Künstliche Intelligenz hat in den vergangenen Jahren Einzug in den Alltag vieler Menschen gehalten. Wo ich damals „google mal“ gehört habe, heißt es immer häufiger: „Da frage ich mal ‚Chatty‘“ (eine beunruhigende Koseform für ChatGPT). Die Meinungen, ob KI Fluch oder Segen für die Menschen ist, gehen stark auseinander. Auch die Diskussion, wie KI in der Kunst, speziell im Film, verwendet werden sollte, bleibt hitzig. Da habe ich mich gefragt, wie ist es eigentlich mit Empfehlungen von Kunst? Wie empfiehlt mir Künstliche Intelligenz Filme und Serien und, spitz gesagt: Braucht es mich da noch?
„Das ist eine großartige Frage!“
Also habe ich meine komplette Liste mit Filmen, die ich bereits gesehen habe, bei ChatGPT eingegeben. Mehr als 1.000 Filme. Und gefragt: „Was empfiehlst du mir?“
Die KI hat meinen Geschmack ziemlich gut analysiert: Arthouse, Charakterdramen, internationale Autorenfilme, New Hollywood. Und dann hat sie mir eine Liste gemacht. Hier mal ein Ausschnitt:
„The Conversation. Du hast Heat, American History X, Full Metal Jacket und andere intensive Charakterstudien gesehen. Coppolas paranoider Überwachungsthriller ist einer der wichtigsten Filme der 70er und fühlt sich heute erschreckend aktuell an.“
Klingt gut, oder? Klingt sogar sehr gut. Aber es ist schon fast erwartbar. ChatGPT hat mir Filme empfohlen, die sich exakt in dem Radius bewegen, den ich schon kenne. Weil dir X gefallen hat, wirst du Y mögen. Das Prinzip kennen wir von Netflix, Prime und Co. Und es ergibt ja auch erst mal Sinn, aber darauf sollte ich mich nicht ausruhen.
„Das hast du gut erkannt!“
Das Gute an einer echten Empfehlung ist ja, dass sie eben nicht so erwartbar ist. Es ist menschlich. Wenn mir eine Freundin einen Film empfiehlt, dann, weil er ihrem durch ihre Erfahrungen und ihre Individualität geprägten Geschmack entsprochen hat. Weil sie einen Film gestreamt hat, der sie so mitgerissen hat, dass sie das mit jemandem teilen muss.
Und genau das fehlt in der ChatGPT-Liste: die menschlichen Erfahrungen, die diesen Film für eine Empfehlung qualifizieren. Es ist eine solide Liste, aber eben ohne jemanden, der wahrhaftig versteht, warum er den Film empfiehlt.
„Kann ich sonst noch was für dich tun?“
Ich habe in meinem Staffellauf „Der Filmbro in uns“ geschrieben, dass mein Geschmack unbewusst männliche Perspektiven bevorzugt. Nicht, weil ich das wollte, sondern weil ich es gewohnt war. Und Algorithmen und Empfehlungssysteme verstärken das. Sie spiegeln, statt zu erweitern.
Und deswegen ist es eben so erstrebenswert, auch Filme über seine Perspektive hinaus zu streamen. Natürlich nicht nur. Nicht jeder Film muss so sein wie keiner zuvor, aber durch das Im-gleichen-Milieu-Bleiben können unser Geschmack und wir selbst uns nicht weiterentwickeln.
„Ich fasse das noch mal für dich zusammen“
ChatGPTs Empfehlungen sind nicht schlecht. „A Separation“ (2011) und „The Conversation“ (1974) stehen jetzt auf meiner Watchlist. Aber wenn ich den Film schaue, werde ich danach nicht das Bedürfnis haben, mit der KI darüber zu diskutieren. Kunst ist menschlich, vielleicht sogar die reinste Form von menschlichem Ausdruck, denn persönliche Erfahrungen geben eine Einzigartigkeit. Und auch sie zu empfehlen erfordert eben das: ein Mensch zu sein.
Happy Streaming,
Leya
